Hermine Overbeck-Rohte

* 24.1.1869 in Walsrode, + 29.7.1937 in Bremen

Hermine Overbeck-Rohte war das jüngste der sechs Kinder von Elise Rohte und dem Lederfabrikanten Karl Heinrich Rohte. Noch während sie in Walsrode die Schule besuchte, erhielt sie auf ihren drängenden Wunsch Malunterricht, zuerst in Walsrode, später im nahen Celle. Ein ersehntes ernsthaftes Malstudium wurde ihr jedoch nach Beendigung der Schulzeit zunächst nicht gestattet. Erst nachdem sie in Hannover eine einjährige Ausbildung in Hauswirtschaft und in der Krankenpflege absolviert hatte, konnte sie ihren Entschluss, Malerin zu werden, gegen Konvention und Familie durchsetzen. Noch während ihres Aufenthaltes in Hannover hatte sie bei dem Lehrer Paul Koken Malunterricht genommen und sich außerdem intensiv mit Landschaftsfotografie beschäftigt.

Im Jahre 1892 durfte sie endlich in München in die Damenakademie des Künstlerinnenvereins eintreten. Dort studierte sie bis zum Frühjahr 1896 schwerpunktmäßig Landschaftsmalerei bei Tina Blau. Im selben Jahr fand im Münchener Glaspalast im Rahmen der internationalen Kunstausstellung eine Präsentation von Werken der Worpsweder Maler statt. Hermine Overbeck-Rohte zeigte sich tief beeindruckt von den Bildern des Malers Fritz Overbeck. Ein Gemälde von ihm, „Abend im Moor“, begeisterte sie so sehr, dass sie spontan beschloss, bei Overbeck weiter zu lernen. So reiste sie denn zusammen mit ihrer Studienfreundin Marie Bock im Sommer nach Worpswede, wo sie sich unter der Leitung von Fritz Overbeck in kürzester Zeit zu einer kongenialen Malerin entwickelte. Der grösste Teil ihres Werkes entstand von 1896-1900 in Worpswede. Im Herbst 1896 verlobte sie sich mit ihrem Lehrer, ein Jahr später fanden die Hochzeit und der Einzug in das neue, gemeinsam geplante Haus statt. Im August 1898 wurde der Sohn Fritz Theodor, im Februar 1903 die Tochter Gerda geboren. Als Ehefrau, Hausfrau und Mutter geriet Hermine Overbeck-Rohte erneut und verschärft in den Konflikt, einerseits die wachsenden Ansprüche ihrer Familie an sie anzuerkennen und befriedigen zu müssen, andererseits sich als Malerin weiter bilden zu wollen. Fritz Overbeck bestärkte sie als Künstlerin und suchte sie zu fördern, dennoch scheint sie mehr und mehr auf die Verwirklichung der in ihr liegenden künstlerischen Möglichkeiten verzichtet zu haben.

Doch wenn man zwischen den Zeilen ihrer Briefe liest, ist erkennbar, wie sie darunter gelitten haben muss, den Weg als Malerin, der sich ihr gerade in Worpswede so verheißungsvoll eröffnet hatte, nicht mit dem vollen Einsatz ihrer Kräfte weitergegangen zu sein.

Im Sommer 1904 erkrankte sie an Lungentuberkulose. Vier Jahre vorher war ihre Worpsweder Freundin, Helene Modersohn, die erste Frau Otto Modersohns, an Tuberkulose gestorben. Hermine Overbeck-Rohte hatte sie bis zum Tode gepflegt, soweit sie es mit Rücksicht auf ihre eigene Familie konnte. Die Vermutung, dass sie sich dabei selbst infiziert hatte, liegt nahe. Die nun folgenden Jahre verbrachte sie teils in Sanatorien, teils mit Liegekuren unter strenger ärztlicher Aufsicht zu Hause. Die Kinder mussten währenddessen bei einer Schwester in Itzehoe leben. Trotz der Krankheit entstanden in diesen Jahren Stilleben, die an malerischer Qualität hinter den besten aus der Zeit vor 1900 nicht zurückstehen.Im Sommer 1905 zog die Familie von Worpswede nach Vegesack, nördlich von Bremen, wo Fritz Overbeck ein größeres Grundstück und Haus erworben hatte. Aals Hermine Overbeck-Rohte im Juni 1909 endlich geheilt von Davos nach Vegesack zurückkehrte, war die Familie nach langer Zeit erstmals wieder vereint. Aber drei Tage nach ihrer Rückkehr starb Fritz Overbeck im Alter von 39 Jahren völlig unerwartet an Hirnschlag. Von nun an lebte Hermine Overbeck-Rohte zurückgezogen auf dem für sie und ihre beiden Kinder viel zu grossen Anwesen. Ein kleines Vermögen sicherte bei bescheidenen Ansprüchen ihre Existenz.

Um Fritz Overbeck neben anderen Worpsweder Malern nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, besorgte sie bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges zahlreiche Ausstellungen mit seinen Bildern. Mit den Kindern reiste sie an Orte, an denen er gemalt hatte: 1912 nach Sylt und 1913 in die Rhön. Dort, in der Ruhe der Ferien, begann sie auch selber wieder zu malen. Als durch die Inflation nach dem Krieg ihr Vermögen dahinschwand, musste sie, der Not gehorchend – ihr Sohn studierte inzwischen und die Tochter sollte auch eine Ausbildung haben – Bilder ihres Mannes verkaufen. Nur selten blieben ihr noch Kraft und Zeit zum malen. 1935 erschien von ihrem Sohn Fritz Theodor Overbeck, inzwischen Botaniker in Hannover, eine bebilderte Flora des deutschen Mittelgebirges, zu der sie die farbigen Pflanzentafeln malte. Dieses Werk, das es ihr gestattete, noch einmal für eine längere Zeit in der Natur zu malen, ist ihre letzte künstlerische Arbeit. Am 29.7.1937 starb sie an den Folgen eines Unfalls. Nach dem Tod sicherten die Kinder den künstlerischen Nachlass von Fritz und Hermine Overbeck. Sie fanden im Atelier ihres Vaters hinter seinen Gemälden ganze Stapel von Bildern ihrer Mutter, von deren Existenz sie bis dahin nichts gewusst hatten. In ihrer Bescheidenheit, die sie hinter ihren Mann völlig zurücktreten ließ, hatte sie ihre Bilder lediglich mit Bleistift durch ein kleines „H.R.“ oder „H.O.“ gekennzeichnet. Nur ihre Leinwandbilder hatte sie signiert.

Seit April 1990 gibt es in Bremen-Vegesack auf Initiative der Enkelin Gertrud Overbeck die „Stiftung Fritz und Hermine Overbeck“, die den gesamten künstlerischen Nachlass des Malerehepaares umfasst. Die Stiftung enthält heute 15 Gemälde auf Leinwand, ca. 100 Studien in Öl auf Karton, ca. 200 Zeichnungen und Aquarelle von Hermine Overbeck-Rohte, Die systematische wissenschaftliche Bearbeitung des Nachlasses hat begonnen. Im Sommer 1991 wurde das Werk von Hermine Overbeck-Rohte erstmals in einer Einzelausstellung in Vegesack gezeigt.
Literatur und Quellen:
Kessling, Gisbert/Mews, Hans-Joachim (Hg.): Gespräche mit plattdeutschen Autoren, Interview mit der Enkelin Gertrud Overbeck im Dezember 1990, Vegesack

Quelle / Autorin: Helga Fuhrmann


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