Renée Sintenis

Renée Sintenis (* 20. März 1888 in Glatz, Landkreis Glatz; † 22. April 1965 in Berlin; gebürtige Renate Alice Sintenis) war eine deutsche Bildhauerin, Medailleurin und Grafikerin, die in Berlin wirkte. Sie schuf vor allem kleinformatige Tierplastiken, weibliche Akt­figuren, Porträts (Zeichnungen und Skulpturen) und Sportstatuetten.

Herkunft

Renate Alice Sintenis war erstes von drei Kindern des Ehepaares Margarete Elsbeth Sintenis, geborene Friedländer (1860–1927), und Franz Bernhard Sintenis (1858–1916), einem Juristen. Ihr Familienname ist hugenottischer Herkunft (Sintenis leitet sich von Saint-Denis ab).

Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Neuruppin, wohin die Familie 1888 gezogen war. Die tägliche Nähe zur Natur beeinflusste ihr späteres künstlerisches Schaffen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Stuttgart zog die Familie 1905 nach Berlin, wo der Vater am Kammergericht eine Anstellung erhalten hatte.

Schon in der Schulzeit bekam Renate Sintenis Zeichenunterricht, dem sich 1907 Studien in Dekorativer Plastik an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin bei Wilhelm Haverkamp und Leo von König anschlossen. Im fünften Semester brach sie die Studien ab, um auf Anweisung ihres Vaters als dessen Sekretärin zu arbeiten.

„Vollblutfohlen“

Kohle auf Papier
30 x 21 cm (o. R.)
um 1920
Signatur: u. r. „Sintenis“

Preis auf Anfrage

Kaiserreich

Der ungewollten Tätigkeit entzog sie sich schließlich durch den Bruch mit der Familie, was ihr für lange Zeit heftige Probleme (Depressionen) bereitete.

Als Renée Sintenis (wie sie sich selbst fortan nannte) 1910 Georg Kolbe kennenlernte, wurde sie sein Modell. Eine nicht mehr erhaltene lebensgroße Frauenstatue entstand.

Durch diese Tätigkeit angeregt, begann sie, weibliche Akte, ausdrucksstarke Köpfe wie von André Gide und Joachim Ringelnatz, Sportler wie den finnischen Läufer Paavo Nurmi und Selbstporträts zeichnerisch, bildhauerisch (in Terracotta) und als Radierung zu schaffen.

Nach 1915 entstanden die prägnanten Tierfiguren, die zu ihrem künstlerischen Lebensthema wurden. Da sie die Monumentalität in der Bildhauerkunst ablehnte, kreierte sie vornehmlich kleinformatige Skulpturen. Diese schmalen Kunstwerke wie Pferde, Rehe, Esel und Hunde erfreuten sich beim Publikum großer Beliebtheit, da sie preisgünstiger waren, sich als Geschenk eigneten und in kleinen Räumen Platz fanden.

„Zwei Pferde im Wasser“

Tinte auf Papier
12 x 15 cm (o. R.)
um 1920
Signatur: u. r. „Sintenis“
Preis auf Anfrage

Aus den Atelierbesuchen bei Kolbe entwickelte sich eine jahrelange Freundschaft, die von ihm künstlerisch begleitet wurde. An der 1913 stattfindenden Berliner Herbstausstellung, der ersten großen Ausstellung der Freien Secession, nahm Renée Sintenis (wie auch in den folgenden Jahren) mit kleinformatigen Gipsplastiken teil. Ab 1913 ließ sie ihre Werke in der Bildgießerei Hermann Noack gießen, von der sie über Jahrzehnte hin künstlerisch begleitet wurde.

Durch die unmittelbare Nachbarschaft der Berliner Secession zum Romanischen Café und dem Atelier der Gesellschaftsfotografin Frieda Riess bekam Renée Sintenis Zugang zu stadtbekannten Persönlichkeiten. Zu ihrem Freundeskreis gehörten die Schriftsteller Rainer Maria Rilke und Joachim Ringelnatz. Mit beiden fuhr die Künstlerin oft in ihrem offenen Wagen durch die Stadt, was zu ihrer Bekanntheit beitrug. Ringelnatz schrieb eine Reihe von liebevollen und augenzwinkernden Gedichten. Für ihn gestaltete sie die Grabplatte aus Muschelkalk; das Grabmal liegt auf dem Berliner Waldfriedhof an der Heerstraße.

Im Jahr 1917 heiratete sie den Schriftkünstler, Buchgestalter, Maler und Illustrator Emil Rudolf Weiß, den sie Jahre zuvor als ihren Lehrer und dann als väterlichen Freund kennengelernt hatte. Er unterstützte sie und machte sie mit zahlreichen weiteren Künstlern bekannt. Ihre Zusammenarbeit beschränkte sich auf wenige gemeinsame Projekte, von denen die Edition 22 Lieder der Gedichte Sapphos, zu der Sintenis die Radierungen schuf und Weiß die Schriftentwürfe anfertigte, besondere Bekanntheit erlangte.

Weimarer Zeit

Bevor Werke Sintenis’ 1920 von dem Galeristen Alfred Flechtheim in Düsseldorf ausgestellt wurde, vertrat sie der Galerist Wolfgang Gurlitt in seiner Galerie Fritz Gurlitt. Seit 1913 stellte sie ihre Skulpturen regelmäßig aus und war bei ihren Kollegen von der Freien Secession, der wichtigsten Berliner Künstlervereinigung, hoch geschätzt, u. a. von Max Beckmann, Max Liebermann und Karl Schmidt-Rottluff. Die Eröffnung einer Galerie in Berlin machte sie 1922 zur wichtigsten Protagonistin des Kunstkreises um Flechtheim in jenen Jahren. Die kunstinteressierte Öffentlichkeit war in ihre Sportlerfiguren, die Bildnisse von Freunden sowie die kleinformatigen Selbstporträts vernarrt.

In der Zeit der Weimarer Republik wurde Renée Sintenis mit Ausstellungen in der Berliner Nationalgalerie, in Paris, der Tate Gallery London, im Museum of Modern Art New York, Glasgow und Rotterdam zu einer international anerkannten Künstlerin. Ihre Schöpfungen von kleinformatigen Bronzen, jungen Tieren, Darstellungen von Sportlern (Boxer, Fußballer, Läufer) und Porträtbüsten ihres Freundeskreises fanden sich weltweit in öffentlichen und privaten Sammlungen wieder. Zu den Sammlern ihrer Plastiken gehörte der Schriftsteller Ernest Hemingway, der mehrere Skulpturen von ihr besaß.

Sintenis errang 1928 den dritten Preis der Sektion Plastik des Kunstwettbewerbs für die Olympischen Sommerspiele in Amsterdam. Mit fünf kleinformatigen Tierplastiken nahm sie an der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes 1929 im Kölner Staatenhaus teil. 1930 begegnete sie dem Bildhauer Aristide Maillol in Berlin. 1931 wurde sie als erste Bildhauerin (und zweite Frau nach Käthe Kollwitz) gemeinsam mit 13 anderen Künstlerinnen und Künstlern in die Berliner Akademie der Künste – Sektion Bildende Kunst – berufen, allerdings erzwangen die Nationalsozialisten ihren Austritt 1934.

Aufgrund ihrer Körpergröße, ihrer schlanken Gestalt, ihrer androgynen Ausstrahlung, dem selbstbewussten, modischen Auftreten und ihrer Schönheit wurde sie häufig gebeten, sich abbilden zu lassen. So wurde sie häufig porträtiert, von Emil Rudolf Weiß und Georg Kolbe; die Fotografien, u. a. von Fritz Eschen und Frieda Riess wurden häufig publiziert. Sie verkörperte auf hervorragende Art und Weise den Typus der „Neuen Frau“, auch wenn sie eher zurückhaltend auftrat.

Nationalsozialismus

Emil Rudolf Weiß wurde am 1. April 1933 wegen einer wutentbrannten Äußerung gegen das NS-Regime und aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus seinem Hochschulamt entlassen. Sintenis selbst wurde 1934 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft – ihre Großmutter mütterlicherseits war vor ihrer Konversion Jüdin – aus der Akademie der Künste ausgeschlossen; dennoch konnte sie in der Reichskulturkammer bleiben, auch wenn Werke von ihr in der Zeit des Nationalsozialismus aus öffentlichen Sammlungen entfernt wurden.

Während der NS-Diktatur lebten Renée Sintenis und ihr Ehemann Emil Rudolf Weiß mit erheblichen Einschränkungen und zurückgezogen. Sie stellte weiterhin aus, obwohl eines ihrer Selbstbildnisse in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1934 gezeigt wurde. Da sie kein Ausstellungsverbot erhielt, wurde sie von dem Kunsthändler Alex Vömel, dem Nachfolger von Flechtheim, in Düsseldorf vertreten. Im Gegensatz zu ihrer Zeit in den 1920er Jahren ging es ihr finanziell nicht gut, was durch das Bronzegussverbot von 1941 verstärkt wurde.

Bis zur Zwangsauflösung des Deutschen Künstlerbundes 1936 blieb Renée Sintenis dort Mitglied. Dass sie von dem NSDAP-Propagandisten Hans Hinkel protegiert worden sei, wie später behauptet wurde, ist nicht nachgewiesen und höchst unwahrscheinlich.

„Jede Macht korrumpiert. Der geistige Mensch muss deshalb immer in der Opposition leben.“

Am 7. November 1942 starb Emil Rudolf Weiß überraschend in Meersburg am Bodensee. Sein Tod stürzte Renée Sintenis in eine tiefe Krise. In der Folge übernahm sie sein Atelier im Künstlerhaus in der Berliner Kurfürstenstraße. Dort arbeitete auch Max Pechstein, dessen Familie die Künstlerin zeitweise aufnahm, nachdem ihr Atelierhaus 1945 durch Brandstiftung und mehrere alliierte Bombenangriffe zerstört worden war. Renée Sintenis verlor bei letzteren fast ihren kompletten Besitz; sämtliche Papiere und Teile ihres Werkes gingen verloren. Während der größte Teil der Gussmodelle erhalten blieb, wurden auch die Gipsfassungen der meisten Portraitköpfe zerstört. In einer Selbstbildnismaske aus dem Jahr 1944 werden die Härten der Kriegsjahre in ihren Zügen sichtbar.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg bezog Renée Sintenis 1945 mit ihrer Lebenspartnerin Magdalena Goldmann eine Wohnung in der Innsbrucker Straße, in der beide bis zu ihrem Tod lebten. 1948 erhielt Sintenis den Kunstpreis der Stadt Berlin und wurde durch Karl Hofer an die Berliner Hochschule für Bildende Künste berufen. Dort wurde sie 1955 zur ordentlichen Professorin ernannt; die Lehrtätigkeit gab sie im selben Jahr wieder auf. Ebenfalls 1955 wurde sie in die neugegründete Akademie der Künste Berlin (West) berufen.

In den 1950er Jahren wurde sie wieder sehr erfolgreich. Sie blieb ihren künstlerischen Schwerpunkten und Motiven treu, die sie „Tiere machen“ nannte. Eine Reihe Jünglingsstatuetten kamen hinzu. Im Jahr 1957 wurde Sintenis’ Statue des Berliner Bären als lebensgroße Bronzeplastik auf dem Mittelstreifen der heutigen Bundesautobahn 115 zwischen Dreilinden und dem Autobahnkreuz Zehlendorf aufgestellt. Ein weiteres Exemplar weihte der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, am 23. September 1960 auf der Berliner Allee in Düsseldorf ein. Am 6. Juni 1962 wurde ein Bronzedenkmal des Berliner Bären im Mittelstreifen der Bundesautobahn 9 auf Höhe der heutigen Anschlussstelle München-Fröttmaning-Süd enthüllt. Eine Kleinplastik dieses Werkes wird alljährlich als Silberner Bär bzw. Goldener Bär an die Preisträger der Internationalen Filmfestspiele (Berlinale) verliehen.

Zu ihrem 70. Geburtstag im Jahre 1958 widmete das Haus am Waldsee in Berlin der Künstlerin eine Retrospektive.

Renée Sintenis starb am 22. April 1965. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem, Abt. 24B-12. Die Grabstätte zählt zu den Ehrengräbern des Landes Berlin.

Literatur

  • Ursel Berger: Sintenis, Renée. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 471 f. (Digitalisat).
  • Sintenis, Renée. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 31: Siemering–Stephens. E. A. Seemann, Leipzig 1937, S. 93.
  • Autor: Sintenis, Renée. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts. Band 4: Q–U. E. A. Seemann, Leipzig 1958, S. 289.
  • Silke Kettelhake: Renée Sintenis: Berlin, Boheme und Ringelnatz. Osburg Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-940731-51-7.
  • Felicitas Rink: Renée Sintenis. In: Britta Jürgs (Hrsg.): Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft. Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. AvivA Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932338-04-9, S. 181–194.
  • Barbara Stark: Reneé Sintenis als Buchillustratorin. In: Philobiblon. Jg. 42, Heft 4, 1998, ISBN 973-9354-37-8, S. 201–213.
  • Paul Appel: Renee Sintenis. Mit Beiträgen von Rudolf Hagelstange, Carl Georg Heise und Paul Appel. Aufbau Verlag, Berlin 1947.
  • Julia Wallner: Halb burschikos, halb aristokratisch, ganz berlinerisch. In: Günter Ladwig, Julia Wallner (Hrsg.): Die erste Generation. Bildhauerinnen der Berliner Moderne. Berlin 2018, ISBN 978-3-9819776-0-8, S. 91–107.
  • Alexandra Demberger (Hg.): Zwischen Freiheit und Moderne. Die Bildhauerin Renée Sintenis. Edition Cantz, Berlin 2019, ISBN 978-3-89188-138-5.

Quellen: wikipedia, Mai 2022
Beitragsfoto: Renée Sintenis, Fotografie von Hugo Erfurth, 1930