Wer war Jacob Juul ?

Auf dem 30 x 40 cm großen Ölgemälde einer sonnigen hellen Küstenlandschaft ist am unteren rechten Bildrand als Signatur der Name Jacob Juul zu erkennen. Rückseitig auf die Leinwand gepinselt steht „J.J. – Hiddensee 1934 – meiner lieben Julie W.“.

 

„Am Enddorn auf Hiddensee“
Öl auf Leinwand
40 x 30 cm
signiert „Jacob Juul“
rückseitig bez. „J.J. – Hiddensee 1934 – meiner lieben Julie W.“

 

Signatur u. R. „Jacob Juul“

 

Bildrückseite: „J.J. – Hiddensee 1934 – meiner lieben Julie W.“

 

Das Bild ist ein Geschenk an die großartige jüdische Malerin Julie Wolfthorn. Die Künstlerin verbrachte seit Anfang der1920er Jahre regelmäßig Sommermonate auf Hiddensee. Sie malte im Kreise der damals dort schon tätigen namhaften Künstlerinnen des um Henni Lehmann gegründeten Hiddensoer Künstlerinnenbundes. Bis heute sind 16 Mitglieder dieses Künstlerinnenbundes bekannt.(1)

Hiddensoer Künstlerinnenbund

 

Die Blaue Scheune auf Hiddensee

Sie stellten ihre Bilder in der als Künstlerhaus erhaltenen Blauen Scheune zum Verkauf aus, die Henni Lehmann tatsächlich als eine neben ihrem neu erbauten Sommerhaus gelegene verfallene Scheune von einem Bäcker erworben und zu einem Atelier- und Ausstellungsgebäude hatte umbauen lassen. Das noch erhaltene nach Norden weisende große Atelierfenster im Schilfdach des Gebäudes erinnert daran, dass dort nicht nur ausgestellt wurde, sondern auch gemalt.

Viele Werke der Malerinnen des Hiddensoer Künstlerinnenbundes entstanden auf der wunderschönen Insel und machten deren besondere Landschaft und auch ihre Bewohner und deren oft kärgliches Lebensumfeld weithin bekannt. Besondere Beziehungen bestanden zur Berliner Künstlerszene, in der die meisten Malerinnen des Künstlerinnenbundes beheimatet waren. Auch Julie Wolfthorn gehörte zu diesem Kreis. Auch für sie war Hiddensee das sommerliche Sehnsuchtsziel.

Julie Wolfthorn in ihrem Berliner Atelier

 

Wer aber war Jacob Juul, der für sie, die liebe Freundin Julie Wolfthorn, diese sommerliche Küstenlandschaft malte?

 

Man nimmt auf dem Bild sofort das helle Licht wahr, meint das sanfte Murmeln der leichten Wellen auf dem Sand zu hören und die salzige Luft in der Nase zu spüren, den leichten Wind auf der Haut. Es ist ein Ort, an dem man sein möchte. Dazu ist es ein Ort, den es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Gerade hier hat sich die Landschaft der Insel in den vergangenen Jahrzehnten ungemein verändert. Hier, am nördlichsten Punkt Hiddensees, dem sogenannten Enddorn, greift die See die Steilküste an und trägt sie bei Weststurm mehr und mehr ab. Gleichzeitig wird bei Nordwind aber immer auch ein Teil des abgetragenen Materials nach Süden verlagert und in Form von Sandbänken wieder angeschwemmt.

Ausschnitt Special Charte Insel Rügen (1829), wikipedia

Auf diese Weise sind sowohl der südlichste Teil der Insel entstanden, der Gellen, aber auch die Bessine im Norden. Auf alten Karten ist zu erkennen, dass es um 1880 vom Enddorn nach Süden nur einen Bessin gab, den heutigen Alt-Bessin. Um 1930 hatte sich östlich vorgelagert bereits eine kurze Sandbank gebildet – der heute viel längere Neu-Bessin. Der Enddorn war und ist der Ort, an dem abtragende und auflandende Kräfte einander begegnen. Gerade dieser Zustand des Werdens, des Spiels von See und Land um die Vorherrschaft, ist in dem Bild von J. Juul festgehalten. Man schaut vom Neuland nach Süden auf die alte Steilküste.

Wie bewusst mag dem Maler damals dieser fortwährende Wandel, diese Vergänglichkeit und Unbeständigkeit scheinbar fester Strukturen gewesen sein?
Es war das Jahr 1934. Es war der langsame aber bis ins Detail bereits geplante Beginn des grausamen und menschenverachtenden Holocaust, dessen Folgen wir bis heute tragen und begreifen müssen. Nichts blieb seit 1933 so, wie man es kannte. Ein offenes und freies Künstlerleben war für Menschen, die als Juden stigmatisiert wurden, nicht mehr gegeben. Das jüdische Leben wurde mehr und mehr verleumdet, boykottiert und vernichtet. Auch Hiddensee war für die überwiegend jüdischen Malerinnen des Künstlerinnenbundes kein sicherer Zufluchtsort mehr.

Berlin, Mommsen­straße 56

 

Ab 1933 trat ein Mal- und Ausstellungsverbot für Juden in Kraft. Henni Lehmann musste ihre Malscheune verkaufen. Das Haus verfiel und wurde erst nach dem Krieg wieder zur Heimat eines Künstlerpaares. Julie Wolfthorn gehörte seit 1933 dem „Kulturbund Deutscher Juden“ sowie der „Jüdischen Künstlerhilfe“ in Berlin an. Das war wie ein Künstlergetto, in dem die Mitglieder unter zunehmender Kontrollle wenigstens noch arbeiten durften, wenn auch allein durch den Namen gebranntmarkt. Julie Wolfthorn wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort 1944 um.

 

Theresienstadt, 1943, Transport von politischen Häftlingen in das Gestapo-Gefängnis der Kleinen Festung, Archiv Gedenkstätte Theresienstadt.(2)

 

Theresienstadt, Foto: Scherl

 

Vor diesem Hintergrund bleibt die Frage: Wer war Jacob Juul, der Maler, der 1934 auf Hiddensee ein Bild für seine liebe Freundin Julie W. malte und dessen Existenz heute wie ausgelöscht erscheint? Es ist ein ambivalentes Bild, das ganz unterschiedlich betrachtet werden kann. Gab es einen Grund dafür, dass er im Jahr 1934 gerade dieses Motiv aufeinandertreffender Kräfte für seine jüdische Freundin wählte? Das auf den Strand gezogene Fischerboot kann in diesem Zusammenhang auch Assoziationen zu Aufbruch oder Flucht wecken. Ist der Name Juul womöglich ein Pseudonym? Welche anderen Bilder stammen aus dieser Künstlerhand und wo sind sie geblieben? Internetrecherchen oder Anfragen an einschlägige Institute brachten bis heute leider keinerlei Ergebnisse. Unsere Suche gilt daher dieser Künstlerpersönlichkeit, ihrem Leben, ihrem Schicksal und ihrer Verbindung zu Julie Wolfthorn.

 

Wir sind auch für den kleinsten Hinweis dankbar, der unsere Forschung zum Maler Jacob Juul, seiner Verbindung zu Julie Wolfhorn und ihrem Freundeskreis unterstützen könnte.

 

Text und Recherchen: Prof. Dr. Holle Greil (freie Mitarbeiterin der Galerie „DER PANTHER“ – fine art) / Joergen Degenaar (Inhaber)

 

 


(1) Die 16 Mitglieder des Hiddensoer Künstlerinnenbundes: Henni Lehmann (1863-1937), Clara Arnheim (1865-1942), Elisabeth Büchsel (1867-1957), Käthe Löwenthal (1878-1942), Dorothea Stroschein (1883-1967), Bertha Dörflein-Kahlke (1875-1964), Elisabeth Andrae (1876-1945), Helene Lottberg (1901-1986), Elisabeth Büttner (1853-1934), Katharina Bamberg (1873-1966), Gertrud Körner (1866-1931), Martel Schwichtenberg (1896-1945), Augusta von Zitzewitz (1880-1960), Julie Wolfthorn (1864-1944), Marta Mischel (unbekannt), Margarete Machholz (1874 Graudenz – 1965 Dresden)
(2)  Fotomaterial: Stiftung Topographie des Terrors, Gedenkstättenreferat Berlin