News aus der Kunstwelt

Von der Metropole in den Wald


Der Maler Harald Hoffmann de Vere bereiste die Welt, lebte an der Berliner Mauer und arbeitet jetzt in Dorfhain.

Von Birgit Grimm

 

Harald Hoffmann de Vere im geteilten Berlin. „Grenzaffäre“ nannte er dieses großformatige Doppelbild, das er in einer Live-Aktion am 17. Juni 1983 auf einem Ruinengrundstück in Berlin-Kreuzberg malte. Am Samstag ist das Bild mit anderen Arbeiten Hoffmann de Veres in Dorfhain zu sehen.

© Thomas Kretschel

Das „Überraschungspaket“ wird ausgepackt: Die Dresdner Kunststudentinnen Anne Siegel, Ella Dudew, Katarzyna Cholewinska und Rebecca Burg inventarisieren 430 Bilder von Harald Hoffmann de Vere.

Vor den jungen Künstlerinnen liegt ein Lebenswerk. Sie müssen es nur auspacken. Fotografieren und vermessen werden sie jedes einzelne Gemälde, jedes Aquarell, jede Collage. So beginnt man ein Werkverzeichnis. 430 Bilder des Berliner Künstlers Harald Hoffmann de Vere lagern seit Kurzem in Dorfhain in der Jähnig GmbH. Die Firma von Jens Jähnig sichert Fels- und Berghänge und baut Spezialzäune. Von Zeit zu Zeit lädt Jähnig Künstler nach Dorfhain ein. Hüseyin Arda schweißte hier Wortskulpturen wie das „MITEINANDER“, das in Heidenau stand. Der Stier, das Wappentier der Firma, steht rostrot und stählern auf dem Gelände. Auch eine Eiche mit Adler, Eule, Eichhörnchen und Wolf ist dort gut angewachsen.

Alt und jung im Team

Derzeit ist Harald Hoffmann de Vere im Tharandter Wald zu Gast, um hier zu malen. Kam aus Berlin mit seinen Bildern. Warum, weshalb, wieso? „Ich musste mich verkleinern. Die Sachen hatte ich in einem Container einer Spedition abgestellt“, sagt der 73-Jährige. Jens Jähnig ist so begeistert von dessen Malerei, dass er ihm in Dorfhain ein Domizil anbot und in der Dresdner Hochschule für Bildende Künste fragte, ob Studenten sich um das Werk des Malers kümmern könnten. Am Montag nahmen Anne Siegel, Ella Dudew, Katarzyna Cholewinska und Rebecca Burg die Arbeit auf. Sie sind neugierig darauf, mit einem Künstler anhand seiner Bilder über seine Entwicklung, seinen Schaffensprozess reden zu können. Auch wenn oder gerade weil er so alt ist, wie ihre Großväter es sind. Das generationenübergreifende Team fand ohne Umschweife einen gemeinsamen Nenner, und schnell war klar: Die Berlin-Bilder bekommen einen zentralen Platz in der Ausstellung in Dorfhain. Harald Hoffmann de Vere ist ein Urberliner vom Jahrgang 1945. Das Inseldasein Westberlins und die Teilung der Stadt nahm er als Heranwachsender bewusst wahr. Malerei studierte er ab 1968 an der Hochschule der Künste und machte sich, bevor er Meisterschüler bei Hann Trier wurde, auf eine Weltreise, die länger dauerte als ein Auslandssemester. Er war in Süd- und Nordamerika, radelte durch Indien, ließ sich in Nordafrika inspirieren. „Als ich nach Bolivien kam, begann dort die Revolution. Als ich nach Indien kam, brach der Krieg gegen Pakistan aus. Das waren aufregende Zeiten.“ Später besuchte er Japan, bekam Stipendien in New York und Amsterdam.

Vor allem in seiner frühen Malerei blieben die Reisen nicht ohne Einfluss, mischen sich Pop Art und Exotisch-Religiöses. Doch die stärksten Inspirationen liefern die Orte, die ihm Heimat sind: Berlin und die Insel Hiddensee. Hier die Spree, die Mauer, das Baugeschehen im Reichstag und am Potsdamer Platz. Dort das Meer, das Licht, die Jahreszeiten, die Vegetation.

Sein Berliner Atelier richtete er sich an der Oberbaumbrücke ein, „weil es preiswert war so nah an der Mauer. Am 1. Mai sah ich die Aufmärsche in Ostberlin. Nachts sah ich auf der Spree die Grenzpatrouillen auf ihren Booten“, erzählt er. Wer im Grenzland gelebt hat, den können die Öffnung der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung nicht kaltlassen. Nach der Wende wird Harald Hoffmann de Vere zum Baustellenmaler. Man genehmigt ihm, seine Staffelei mitten hinein zu stellen ins entkernte Reichstagsgebäude, am Tag und in der Nacht. Er malt am Potsdamer Platz die Kräne und darf ins Innere der Bauzäune. So schnell sich die Stadt in ihrer Mitte und in der Nähe zum einstigen Mauerstreifen verändert, so kraftvoll lässt Hoffmann de Vere die Farben auf der Leinwand explodieren. Gelb, Orange, Rot für den Tag. Tiefes Blau für die Nacht. Das Brandenburger Tor wird zu seinem Motiv und die eingerüstete Oberbaumbrücke in den 1990er-Jahren. Menschenleer und expressiv sind auch die Hiddensee-Aquarelle, die Wildrosen am Dornbusch, das Heideblühen, der Leuchtturm, der Strand im Winter.

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Kunst und Steine im Geopark

Je mehr Bilder die Studentinnen aus der Noppenfolie auswickeln, umso schwieriger fällt ihnen die Entscheidung, was davon in der Ausstellung Platz findet. Es wird gerückt und geräumt, entschieden und verworfen. Auch Unternehmer Jähnig redet mit. Ohne Kunst mag er nicht, ohne Arbeit kann er nicht sein. Am liebsten verbindet er beides. Deshalb gründete er die Georado Stiftung und ließ einen Bildungsrundgang auf dem Firmengrundstück anlegen: Erdgeschichte kompakt in Form sächsischen Gesteins neben Geotechnik, die Laien staunen lässt. Ein weitläufiger, zertifizierter nationaler Geopark mit Kunst in der Landschaft soll entstehen. Das Besucherzentrum steht in Dorfhain. Profitieren soll davon die gesamte Mitte Sachsens.

Ausstellung von Harald Hoffmann de Vere in Dorfhain, Talstr. 11 in der Georado Stiftung, geöffnet Sonnabend, 9 bis 16 Uhr zum 6. Heimattag „Vereint für Sachsens Mitte“ sowie am 3., 4. und 5. Mai zum 3. Praxistag Geotechnik. Sonst nach Anmeldung: 035055 69680.

Quelle: 
SZ-ONLINE.de, Donnerstag 12.04.2018.
Beitragsfoto: (v. L.) Innenminister von Sachsen Prof. Wöller, Harald Hoffmann de Vere und J. Jähnig bei der Ausstellungseröffnung in der GeoArt in Dorfhain am Sachsentag dem 15. April 2018.

 

 


Wiederentdeckung einer Künstlerin: Dora Koch-Stetter

von Sandra Aid

Eine große Künstlerin wird jetzt 50 Jahre nach Ihrem Tod wiederentdeckt. Sie war ihrer Zeit voraus, hat bei Lovis Corinth gelernt, bis zu ihrem Tod in der Künstlerkolonie Ahrenshoop gelebt und gearbeitet – und doch ist uns ihr Name nicht so präsent wie er sein sollte: Dora Koch-Stetter. Das Kunstmuseum Ahrenshoop widmet der expressiven Künstlerin  jetzt eine Sonderausstellung.

Zeichnung von Dora Koch-Stetter.
24. März bis 2. September 2018 / Sonderausstellungen im Kunstmuseum Ahrenshoop

Wiederentdeckung einer Ausnahme-Expressionistin: Dora Koch-Stetter.

Weite, Licht und unberührte Schönheit bestimmen die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst an der mecklenburgischen Ostsee-Küste. Seit Jahrzehnten zieht sie Künstler magisch an. Eine der bedeutendsten war Dora Koch-Stetter. Jetzt widmet das Kunstmuseum Ahrenshoop ihr eine Sonderausstellung. Katrin Arrieta kuratiert die Schau: „Sie war eigentlich Großstädterin, durch ihre ganze Prägung, durch ihr Aufgewachsen-Sein in Berlin. Und zunächst einmal ging es ihr darum, an alternative Erlebnisorte zu kommen, um die Natur in ihrer ganzen Erlebnisgewalt wiederzugeben.“

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Die Malerin Dora Koch-Stetter in Ahrenshoop

Kulturjournal – 26.03.2018 22:45 Uhr Autor/in: Sanda Aid

Dora Koch-Stetter ist eine der bedeutendsten Malerinnen der zweiten Generation der Künstlerkolonie in Ahrenshoop. Jetzt widmet ihr das Kunstmuseum eine große Ausstellung.

 

Quellen:
NDR Kulturjournal, Katrin Weiland

Beitragsbild: „Heuernte in Ahrenshoop“ /  Öl auf Leinwand / 60,5 x 80,5 cm; Galeriebestand „DER PANTHER“ – fine art