Helene Funke – bedeutendes Mitglied der Gruppe „Wiener Frauenkunst“

(* 3. September 1869 in Chemnitz; † 31. Juli 1957 in Wien) war eine Malerin und Grafikerin und zählt heute zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Moderne, insbesondere des Fauvismus.

„Ich bin selbst ein einsamer Steppenwolf.“

(Helene Funke in einem Brief an den befreundeten Hermann Hesse, 1944)

Leben und Werk

Als Tochter einer Industriellenfamilie studierte sie gegen den Willen der Familie ab 1899 an der Münchner Damenakademie Malerei. Von 1905 bis 1913 hielt sie sich in Paris und Südfrankreich auf. In Paris wohnte Funke in der 27 rue de Fleurus. Das Haus erlangte durch Gertrude Stein und ihre Partnerin Alice B.Toklas Berühmtheit.

„Sitzender Frauenakt“
Kohle auf Papier
51,5 x 27 cm (o.R.)
um 1905 – 1908
Signatur: u. r. „H. Funke“

In Paris wagt sich Funke an die Aktzeichnung – für Malerinnen in Deutschland damals noch ein Tabu. Es entstehen ungeschönte und betont unerotische Bilder, diese selbstbestimmten Frauendarstellungen sollen ihr beliebtes Sujet werden. Bald erobert sich Funke einen Platz unter der Pariser Avantgarde, ist in den Pariser Herbstsalons wie auch in den Salons des Indépendants präsent und stellt gemeinsam mit Matisse, Braque, Vlaminck und Picasso aus. Neben der Malerei und Grafik widmet sich Funke leidenschaftlich der noch jungen Fotografie. Bereits Anfang des Jahrhunderts macht sie mit dem damals neu erfundenen Fernauslöser »Selfies« – damals äußerst ungewöhnlich und heute ein frühes fotografisches Vermächtnis weiblicher Selbstinszenierung.

Helene Funke an der Pariser Seine (Courtesy Nachlass Helene Funke)

Zwischen 1911 und 1913 übersiedelte sie nach Wien, nahm dort an zahlreichen Ausstellungen teil und wohnte bis zu ihrem Tod in dieser Stadt.

Helene Funke auf dem Dach eines Wiener Wohnhauses, 1912 (Courtesy Nachlass Helene Funke)

1918 wurde sie Mitglied der Künstlergruppe Freie Bewegung (ab 1919). Zudem war sie Mitglied der Gruppe Wiener Frauenkunst. 1928 erhielt sie als einzige Frau den Österreichischen Staatspreis für das Bild Tobias und der Engel. „Ihre Bilder zeigen vielfach Frauengruppen oder Frauenpaare und stellen eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Weiblichkeit dar.“ (Geheimsache Leben, 2005)

Ab 1904 bis 1938 sind Ausstellungen in München, Berlin, Dresden, Leipzig (BUGRA 1914) und Hamburg dokumentiert; sie war auch Mitglied des Deutschen Künstlerbundes. In Frankreich pflegte sie engen Kontakt zu den Fauves und stellte u. a. mehrfach im Pariser Salon des Indépendants aus. In Wien war sie an Ausstellungen der Wiener Secession, des Hagenbundes, des Künstlerhauses und an der Wiener Kunstschau beteiligt. In den letzten Jahren vor dem Tod erfolgte eine „Wiederentdeckung“ dieser fast vergessenen Frau in der Kunst.

Oskar Laske verewigte sie als einzige Künstlerin in seinem Monumentalgemälde „Das Narrenschiff“ (zu sehen im Belvedere, Wien). 1957 starb Helene Funke verarmt in ihrer Wiener Wohnung und wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gr. 24, Reihe 91, Nr. 5) beigesetzt.

Eine erste Wiederentdeckung Helene Funkes nahm 1998 im Wiener Kunsthandel Hieke ihren Anfang. Begleitend zu dieser Retrospektive entstand auch der erste Katalog zu Funkes Œuvre. In der Zeit vom 3. Mai bis 11. September 2007 kam es zu einer umfangreichen Retrospektive im Lentos, Linz. Im Jahr 2018 fand die erste Retrospektive in Deutschland, in ihrer Geburtsstadt Chemnitz in den Kunstsammlungen Chemnitz, statt. Bei der Ausstellung „Stadt der Frauen“ 2019 im Belvedere Wien wurde ihr Werk ebenfalls umfangreich präsentiert.

Helene Funkes Werk gelangt durch museale Anerkennung sowie Präsenz auf dem Kunstmarkt zusehends wieder in die öffentliche Wahrnehmung. Ihre Verdienste um den Frühexpressionismus halten Einzug in den kunsthistorischen Kanon. Anfang 2016 waren Werke von ihr in der Gemeinschaftsausstellung Einfühlung und Abstraktion. Die Moderne der Frauen in Deutschland in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen.

2023/24 ist Helene Funkes Werk in der Wanderausstellung „MAESTRAS – MALERINNEN 1500–1900“ im Museo Thyssen, Madrid und im Arp Museum Bahnhof Rolandseck vertreten.

Literatur

  • Funke, Helene. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts. Band 4: Q–U. E. A. Seemann, Leipzig 1958, S. 179 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
  • Ursula Hieke, Gabriela Nagler: Katalog der Ausstellung Kunsthandel Hieke. „Helene Funke. Wien-Paris. 1869–1957“. Wien 1998.
  • Sabine Plakolm-Forsthuber: Künstlerinnen in Österreich 1897–1938. Malerei – Plastik – Architektur, Wien 1994, ISBN 3-85452-122-7.
  • Elisabeth Nowak-Thaller, Elisabeth Fischer (Hrsg.): Helene Funke : 1869–1957, Ausstellungskatalog, Lentos Kunstmuseum Linz, 4. Mai bis 11. September 2007, Nürnberg 2007, ISBN 978-3-939738-36-7.
  • Sigrid Bucher: Die Malerin Helene Funke, Wien 2007, ISBN 978-3-9502043-2-2.
  • Peter Funke: Die Malerin Helene Funke 1869–1957. Leben und Werk, Wien, Köln, Weimar 2011, ISBN 978-3-205-78620-7.
  • Julie M. Johnson: The Memory Factory: The Forgotten Women Artists of Vienna 1900, West Lafayette, Indiana, 2012, ISBN 978-1-55753-613-6.
  • Katja Behling: Helene Funke 1869–1957. In: Dies. und Anke Manigold: Die Malweiber. Unerschrockene Künstlerinnen um 1900. Berlin, Insel 2013, ISBN 978-3-458-35925-8, S. 142–144.
  • Silvie Aigner, Dieter Bogner, Sabine Fellner, Gabriela Nagler u. a.: Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien 1900 – 1938. Hrsg.: Stella Rollig, Sabine Fellner. Prestel, München, London, New York 2019, ISBN 978-3-7913-5865-9.

Quellen: Galerie „DER PANTHER“ – fine art;
wikipedia, Juli 2024;
Auszüge aus : Lost Woman Art (KOBERSTEIN FILM GmbH, Berlin);
Beitragsfoto: Helene Funke, zw. 1904 – 1912.