KI in der Kunst – am Beispiel Emil Nolde

Der Panther: Ich war gespannt und erfreut, als ich das Buch „Emil Nolde – Neue Bilder“ in den Händen hielt und den Klappentext las.

Mit Herrn Wolfgang Reuter sehen wir Emil Nolde neu – und an den Fragen, die er stellt, werden sich Noldes verschwiegene Lordsiegelbewahrer messen lassen müssen“, schreibt der stellvertretende FOCUS-Chefredakteur Markus Krischer dort. 

Schon beim Lesen der ersten Seiten wechselte meine Freude in staunende Bewunderung. 

All das, was man ja bereits über Nolde wusste bzw. schon einmal hier und da gehört und gelesen hatte, all das nun in geballter Form, chronologisch, sachlich, historisch nachvollziehbar geordnet, aber total unvermutet in einem Werkverzeichnis derart schnörkellos visualisiert präsentiert zu bekommen, zeigte mir, dass bereits auf diesen ersten Buchseiten sich das erfüllte, was der Untertitel des Buches: 

„Eine kritische Analyse zertifizierter Zuschreibungen mit digitalen Methoden und Künstlicher Intelligenz“ dem Leser in Aussicht stellt: Hier wird aufgeräumt mit Unklarheiten und Ungereimtheiten, mit Zufälligkeiten und „absolutistischer Nachlassverwaltung“. Authentische Quellenangaben zeugen von wissenschaftlicher Akribie!

Auch war mir nicht klar, wie vielfältig die Möglichkeiten digitaler Verfahren in der Kunstgeschichte sind. Doch es geht nicht nur um Algorithmen und Technik. 

Der Autor hinterfragt die Wirkung von Kunst vor dem Hintergrund der Vita des Urhebers. Er reizt den Leser unverzüglich, sich selbst zu testen, seine eigenen Empfindungen als Wirkung der Wahrnehmung von Kunst zu erforschen. Und auch hier zeugt der umfangreiche Quellennachweis von genauer Recherche.

Kurzum: Das Buch ist eine Überraschung – und wir haben uns entschlossen, mit dem Autor zu sprechen. 

Horst Degenaar, Galerie DER PANTHER – fine art, 05.09.2026. 

Das geführte Interview:

Der Panther: Herr Reuter, Sie untersuchen mit Ihrer Firma Art Intelligence schon seit Jahren Kunstwerke auf Ihre Authentizität. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Werkverzeichnis der Aquarelle von Emil Nolde zu schreiben?

Reuter: Ich würde es den Beginn eines Werkverzeichnisses nennen. Die Idee dazu kam mir, als ich bewusst mehrere Auktionspreise von Emil Nolde analysiert hatte. Für Kunstsammler ist es schon lästig, mühselig teure Datenbanken zu durchforsten, um ein Gespür für den Marktwert eines Künstlers zu bekommen. Und selbst wenn sie dann 60, 70 oder noch mehr Lose betrachten, wissen sie noch nicht: Welche Motive sind besonders teuer? Welche Techniken werden von Käufern bevorzugt? Welche Entstehungsperioden sind für Sammler interessant? Besonders wichtig ist aber eine Antwort auf die Frage: Welches Auktionshaus ist für Käufer oder Verkäufer der Werke eines bestimmten Künstlers am geeignetsten? Die Antworten können sie vielleicht intuitiv erahnen. Aber sie lassen sich durchaus auch statistisch fundiert darstellen… 

Der Panther: … das mag sein, hat aber mit einem Werkverzeichnis doch wohl nichts zu tun. 

Reuter: Richtig. Aber bei der Beschäftigung mit den Nolde Auktionspreisen wurde mir klar: Ohne ein Echtheitszertifikat ist ein Nolde Aquarell praktisch unverkäuflich. Es sei denn, die Authentizität ist anderweitig eindeutig geklärt, also wenn beispielsweise die Nolde-Stiftung als erste Provenienz angegeben ist, oder wenn es aus der Sammlung Jolanthe Nolde stammt, der zweiten Ehefrau des Künstlers. Besonders spannend wird es, wenn Sie sich ansehen, wer das Zertifikat ausgestellt hat. 

Der Panther: Naja, die Nolde-Stiftung natürlich, als Nachlassverwalterin des Künstlers. 

Reuter: Oft ist das so – aber in vielen Fällen eben auch nicht. Der ehemalige Direktor der Stiftung, Manfred Reuther, hat sein eigenes Archiv und stellt bis heute ebenfalls Zertifikate aus. 

Der Panther: Prof. Dr. Manfred Reuther gilt als führender Experte für den Künstler. 

Reuter: Das ist er auch, ohne Zweifel. Aber es gibt eben Werke, die laut der Angebotstexte in den Auktionskatalogen von ihm zertifiziert sind, aber von der Stiftung nicht. Und umgekehrt. Das kann Zufall oder Nachlässigkeit aufseiten des jeweiligen Auktionshauses sein – aber es kann eben auch auf Unstimmigkeiten hinweisen. Interessant sind zudem die Formulierungen, mit denen die Authentizität eines Werkes belegt werden, insbesondere bei der Stiftung. 

Der Panther: Inwiefern? Ein Zertifikat sagt doch glasklar, dass ein Werk echt ist. 

Reuter: Oder, dass es falsch ist – nur dann wird es nicht bei renommierten Auktionshäusern angeboten, sondern bestenfalls als „zertifizierte Fälschung“ von unbekannten Verkäufern im Internet. In vielen Fällen heißt es in den Angebotstexten beispielsweise: Das Werk ist in der Nolde-Stiftung, Seebüll, registriert und wird in ein künftiges Werkverzeichnis der Aquarelle aufgenommen. Diese Formulierung findet sich ab etwa 2007, das Verzeichnis aber gibt es bis heute nicht. Und häufig fehlt auch der Hinweis bezüglich der Aufnahme in ein Werkverzeichnis. Laut Reuther hat die Stiftung einige Jahre lang die eingereichten Werke nicht mehr zertifiziert, sondern lediglich registriert. Dazu kommt: Es ist nirgends veröffentlicht, wer in dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung, der mittlerweile die Echtheit bestätigt, bzw. eingereichte Werke zertifiziert. Selbst Manfred Reuther weiß es nicht. 

Der Panther: Woher wissen Sie das? 

Reuter: Ich habe mit ihm telefoniert. Und irgendwann habe ich mir gedacht, all diese feinen Nuancen der Formulierungen in den Gutachten und Zertifikaten können zwar auf Ungereimtheiten hinweisen – sie müssen es aber nicht. In jedem Fall ist es an der Zeit, eine gewisse Transparenz bezüglich der Authentizitätsindizien herzustellen. Und von solchen Überlegungen bis zu einem aufschlussreichen Werkverzeichnis ist es dann nicht mehr weit.

Der Panther: Sie hätten die Werke ja mit ihrer Methode auch selbst auf ihre Echtheit überprüfen können? 

Reuter: Das ist zunächst ein ungeheurer Aufwand. Und im Grunde ist es wie bei Menschen. Wenn Sie jemanden etwas Fragen, kann die Antwort nur so gut sein, wie das Wissen des Gefragten. Wenn Sie die Künstliche Intelligenz etwas fragen, ist die Antwort nur so gut, wie die zugrundeliegende Datenlage. Und da geht es nicht nur um die Datenmenge, sondern auch um ihre Qualität – wie Sie ja wissen – aufgrund der von uns [gemeint ist die Art Intelligence GmbH] durchgeführten KI-Analyse Ihres Ölbildes, welches damals dem britischen Maler Francis Bacon lediglich zugeschrieben wurde… 

Der Panther: … oder dem ‚Mann mit dem Goldhelm‘, den Sie ja auch für einen echten Rembrandt halten…

Reuter: Richtig, wie übrigens auch einige Kunsthistoriker, aber eben nicht die von der Nationalgalerie in Berlin. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es im Hintergrund eher um Glaubensfragen geht oder um Recht behalten. 

Der Panther: Wobei die KI ja auch kein Fingerabdruck ist, also keine hundertprozentig sicheren Ergebnisse liefert. 

Reuter: Das stimmt, aber sie ist eine sehr wertvolle Indikation. Und wenn Sie KI mit absolut zweifelsfreien Originalen des Künstlers trainieren, sind die Ergebnisse ausgesprochen gut. Bei Nolde aber gibt es zum einen kein Werkverzeichnis der Aquarelle – und weiterhin große Unsicherheiten, sei es nur aufgrund der Formulierungen, worauf ich bereits hingewiesen habe, oder aufgrund der oft lückenhaften Provenienzen. Zudem macht es mich stutzig, dass ich keinen einzigen Fall gefunden habe, in dem die Stiftung ihre Einschätzung korrigiert hat. Bei anderen Künstlern, etwa bei Rembrandt, viel mehr noch bei Amedeo Modigliani, gibt es große Unstimmigkeiten zwischen den jeweiligen Experten.

Der Panther: Aber von Nolde sind doch viele Fälschungen im Umlauf. 

Reuter: Ja, ca. 1500 sind der Stiftung bekannt. Und verschiedene Auktionshäuser berichten, dass beispielsweise der vor Reuther amtierende Direktor der Stiftung, Prof. Dr. Martin Urban, in den 1990er Jahren einige Werke eines später verurteilten Fälschers als echt zertifiziert hat. Nur darüber finden Sie nichts in digital zugänglichen Quellen. Um welche Werke es sich dabei handelt wissen vielleicht einige Insider, aber die breite Masse der Kunstinteressierten weiß es mit Sicherheit nicht. 

Der Panther: Sie wollen also sagen, dass Künstliche Intelligenz bei Emil Nolde nicht in der Lage ist, Originale von Fälschungen zu unterscheiden? 

Reuter: Nein, das ist so nicht richtig. Aber die Ergebnisse sind eben mit einer höheren Unsicherheit behaftet. Das ist unvermeidlich – und es ist im Übrigen auch bei medizinischen Applikationen ein Problem. Bei bestimmten Diagnosen stimmen die besten Radiologen oder Dermatologen auch nicht überein. 

Der Panther: Sie hätten also die KI anwenden können, haben es aber nicht getan? 

Reuter: Ich habe die KI angewandt, allerdings nicht um Fälschungen zu identifizieren, sondern beispielsweise, um fehlende Datierungen zu ergänzen. Und ich habe untersucht, ob und wie die KI-Einschätzung der von Martin Urban zertifizierten Nolde-Werke, sich von den KI-Einschätzungen der Werke unterscheiden, die Manfred Reuther als Original bestätigt hat.

Der Panther: Mit welchem Ergebnis? 

Reuter: Die Ergebnisse sind nicht gut – alles andere wäre auch wirklich erstaunlich. Aber sie sind deutlich besser als zu erwarten und hochsignifikant. Das heißt: Urban und Reuther achten teilweise auf unterschiedliche Merkmale bei ihrer Begutachtung, was aber ausdrücklich nicht heißt, dass einer von ihnen falsch liegt. 

Der Panther: Was wollen sie damit erreichen? 

Reuter: Ich merke seit Jahren, dass Kunsthistoriker, anders als mittlerweile Ärzte und Mediziner, digitalen Methoden und der Künstlichen Intelligenz sehr skeptisch gegenüberstehen. Mein Ziel war es, diese Methoden in dem Buch zu erklären und aufzuzeigen, wo und wie sie Kunstexperten unterstützen können. 

Der Panther: Wo kommen digitale Methoden und KI noch zum Einsatz? 

Reuter: Beispielsweise bei der Analyse von Auktionspreisen, aber auch bei der Frage, was KI über die seit 2013 erforschte Verstrickung Emil Noldes in den Nationalsozialismus weiß. 

Der Panther: Ein Thema, das die Stiftung jahrzehntelang nicht transparent gemacht hat. 

Reuter: Das stimmt, aber in dem Punkt hat sich die Attitüde der Nachlassverwalter unter ihrem derzeitigen Direktor Christian Ring diametral geändert. 

Der Panther: Und was weiß die KI über Noldes Nazi-Verstrickungen? 

Fehlerhafte Antwort des Modells GPT 5 der Firma Anthropic auf die Frage: „Was kannst du mir über Emil Nolde sagen?“. Nolde hatte nie Mal-, sondern Berufsverbot; er durfte während der NS-Zeit malen, die Werke jedoch nicht verkaufen.  Und er war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges überzeugter Nationalsozialist. 

Reuter: Erschreckend wenig, wenn Sie allgemeine Plattform-Modelle wie ChatGPT oder Anthropic verwenden. Immer wieder tauchen dann die alten, von Nolde selbst gepflegten Klischees vom Malverbot auf, das es so nie gegeben hat. Und Detailwissen ist kaum vorhanden. Antisemitische Äußerungen des Künstlers finden die Modelle nicht.  Letztendlich spiegeln die Antworten einen Querschnitt der digitalen Veröffentlichungen wider – und die stammen eben zum größeren Teil aus der Zeit bevor diese dunkle Seite der Vergangenheit des Künstlers bekannt war und zum kleineren aus der Zeit danach. Aber man kann die Antworten deutlich verbessern. 

Der Panther: Wie soll das gehen?

Reuter: Mit lokalen Sprachmodellen, die auf den meisten PCs betrieben werden können. Diesen Modellen werden dann beispielsweise die Biografien von Nolde als zusätzliche Informationsquellen zur Verfügung gestellt, zusammen mit den Forschungsergebnissen zu Noldes Verstrickungen in den Nationalsozialismus. 

Der Panther: Und damit erhalten Sie ein realistischeres Bild von Noldes Vita? 

Reuter: Auf alle Fälle, aber immer noch kein auch nur wirklich gutes Bild. 

Der Panther: Was ist der Grund dafür? 

Reuter: Wenn Sie das Modell fragen, ob Emil Nolde Antisemit war, antwortet es mit einigen Beispielen von antisemitischen Äußerungen Noldes – was ja gut und richtig ist. Sie können sich aber anzeigen lassen, welche Textbausteine das Modell für seine Antworten verwendet. Und da taucht ein Textbaustein aus den Forschungsergebnissen immer wieder auf, der Noldes Überzeugung sehr klar zusammenfasst – und dabei Wörter und Formulierungen verwendet wie „Rassenfrage“ oder „… sein Vorschlag zur Lösung der ‚Judenfrage‘“, zudem wird Nolde wird mit „einem der notorischsten Antisemiten des ‚Dritten Reichs‘“ verglichen. Dieser Textbausteine aber wird, wie auch einige wörtliche Zitate des Künstlers, in den Antworten nie verwendet. 

Der Panther: Und woran glauben Sie liegt das? 

Reuter: Ich kann die Code-Basis dieser Modelle nicht einsehen – aber meine Vermutung ist, dass Sicherheitsregeln bezüglich „Hate Speech“ eingebaut sind. Was ganz bestimmt gut und richtig ist, aber eben eine Kehrseite haben könnte. Nämlich, dass die KI deshalb auch die historische Wahrheit verzerrt und in gewisser Weise weichgespült reflektiert. Die Problematik geht weit über den Fall Nolde hinaus und sollte wissenschaftlich definitiv genauer untersucht werden. 

Der Panther: Wie hoch ist die Auflage ihres Werkes? 

Reuter: Ich habe erstmal nur 100 Stück drucken lassen – es ist ja schon ein sehr spezielles Thema und für mich völliges Neuland. Aber ein Nachdruck ist jederzeit möglich. 

Der Panther: Wann kommt der zweite Band? 

Reuter: Ich schreibe gerade daran. Es geht darin nicht um die Nazi-Vergangenheit des Künstlers, sondern um die Analyse seiner Aquarelltechnik am Beispiel der Landschaftsbilder mit digitalen Methoden und Künstlicher Intelligenz – und ich denke, dass er noch dieses Jahr erscheint. 

Der Panther:  Herzlichen Dank für Ihre Zeit. 

Reuter: Ich danke Ihnen. 

„Emil Nolde – Neue Bilder. Werkverzeichnis der Aquarelle, Band 1, Köpfe, Menschen und Figuren. Eine kritische Analyse zertifizierter Zuschreibungen mit digitalen Methoden und Künstlicher Intelligenz“, Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenbindung, DIN A4, 1760 Gramm, 79 Euro, kann direkt beim Verlag unter www.art-intelligence.com versandkostenfrei bestellt werden. Es ist auch im Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) gelistet und im Buchhandel (außer bei Amazon) erhältlich. 

Quellen: Galerie DER PANTHER – fine art – copyright