Hedwig Jaenichen-Woermanns Lebensweg verbindet die europäischen Kunstzentren der frühen Moderne mit der Künstlerlandschaft an der Ostsee. Worpswede, Paris, Rom und Dresden-Hellerau waren wichtige Stationen ihrer Entwicklung. Doch Wustrow auf dem Fischland, unmittelbar südlich des Darß, wurde zu ihrem dauerhaften Bezugspunkt: Hier besaß sie seit 1919 ein Haus, hierher kehrte sie nach ihren Auslandsjahren zurück, und hier verbrachte sie ihren letzten Lebensabschnitt.
Am 1. November 1879 als Tochter des Hamburger Reeders Adolph Woermann geboren, erhielt sie um 1900 Unterricht bei Fritz Mackensen in Worpswede. Ihre Herkunft ermöglichte ihr eine Ausbildung und internationale Beweglichkeit, die Künstlerinnen ihrer Generation keineswegs selbstverständlich offenstanden. Von der norddeutschen Künstlerkolonie führte ihr Weg bald nach Paris.
Dort widmete sie sich zunächst der Bildhauerei. Das Musée Bourdelle dokumentiert ihre Ausbildung bei Antoine Bourdelle für die Jahre 1901 bis 1903. Sie gehörte zu den ersten Frauen in seinem Atelier und beteiligte sich an der praktischen Arbeit der Werkstatt. Historische Fotografien zeigen sie zwischen Skulpturen und Arbeitsmodellen. Bourdelle porträtierte sie außerdem als „Die deutsche Schülerin“. Diese unmittelbare Beschäftigung mit Körper, Volumen und Material bildete einen wichtigen Ausgangspunkt ihres künstlerischen Schaffens.

„Elève allemande (Hedwig Woermann) travaillant à un buste“, vers 1901-1903, d’après un négatif au gélatino-bromure d’argent sur plaque de verre, MBPV3508, Musée Bourdelle, Paris.jpg; (KI optimiert und koloriert)
Ab 1903 unterhielt Woermann ein Bildhaueratelier in Rom. 1908 heiratete sie Johann, genannt Hanns, Jaenichen; anschließend lebte das Paar mehrere Jahre in Sceaux bei Paris. Die Kriegsjahre führten sie nach Dresden-Hellerau, wo die Malerei zunehmend in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rückte.

Hedwig Jaenichen-Woermann (1879–1960)
„Frauenprofil“
Wassergebundene Mischtechnik auf grundiertem Karton, vermutlich Tempera und Gouache
um 1918–1922
ca. 48 × 40 cm, ohne Rahmen
Rückseitig signiert laut Werkangabe: „WOERMANN – DRESDEN“
Preis auf Anfrage
Vor einem kühl blaugrünen Grund erscheint eine Frau im nach links gerichteten Profil. Warme Hauttöne und kastanienbraunes Haar bestimmen die zurückhaltende Farbigkeit. Besonders markant sind die breiten, rhythmisch geschwungenen Haarwellen, die dem Kopf eine beinahe reliefartige Körperlichkeit verleihen. Einen reizvollen Gegenakzent bildet das transparent wirkende Gewand mit seinen kantig überlagerten Flächen.
Die klare Silhouette und die ruhige Seitenansicht erinnern an historische Profilbildnisse. Zugleich zeigen die vereinfachten Formen und die eigenständige Flächengestaltung Berührungspunkte mit klassizierenden und neusachlichen Tendenzen. Woermanns bildhauerische Ausbildung eröffnet einen aufschlussreichen Zugang zu dieser Verbindung von plastischer Präsenz und malerischer Transparenz.
Zu ihrem persönlichen und künstlerischen Umfeld gehörten Paula Modersohn-Becker, Karl Hofer und Rainer Maria Rilke. Woermanns Entwicklung vollzog sich damit im Austausch mit Persönlichkeiten, deren unterschiedliche Wege den Aufbruch in die Moderne prägten. Besonders eigenständig waren ihre textilen Rollbilder, mit denen sie in den 1920er Jahren international Aufmerksamkeit erlangte. In ihnen verband sie neusachliche Motive mit einem Bildträger, der sich von der festen, gerahmten Bildtafel unterschied. Ihr Werk erschließt sich deshalb ebenso über die Wahl von Material und Präsentationsform wie über seine Motive.
Wustrow und die Künstlerlandschaft Fischland-Darß
1919 erwarb Woermann in Wustrow ein altes reetgedecktes Fachwerkhaus, das wegen der auf seinem Dach nistenden Störche als „Storchenhaus“ bekannt wurde. Ein vorhandener Anbau wurde vermutlich Ende der 1920er Jahre zum Atelier umgestaltet. Unter dem Namen „Storchennest“ wurden dort auch Räume an Sommergäste und Kunstschüler vermietet. Das Haus verband somit Wohnen, künstlerische Arbeit und Gastlichkeit.
Mit ihrem Wohnsitz wurde Woermann Teil des weiteren Umfelds der Ahrenshooper Künstlerkolonie. Ihre Biografie erweitert den Blick auf diese Region: Fischland und Darß waren nicht nur Orte der Landschaftsmalerei, sondern auch Lebens- und Arbeitsräume international orientierter Künstlerinnen und Künstler. Woermann brachte Erfahrungen aus der Pariser Bildhauerei und den europäischen Kunstzentren in dieses Umfeld ein. Zugleich blieb Wustrow während ihrer weiteren Auslandsaufenthalte ein beständiger Bezugspunkt.
Nach mehreren Jahren in Südamerika kehrte sie 1936 nach Wustrow zurück. Die nationalsozialistische Zeit, der Krieg und die anschließende Teilung Deutschlands erschwerten die Fortsetzung ihrer internationalen Laufbahn. Ihr Werk geriet zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Ihre Verbindung zum regionalen Kunstleben bestand jedoch fort: 1946 beteiligte sie sich an einer Ausstellung im Ahrenshooper Kunstkaten.
Die Nachkriegsjahre waren von persönlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt. 1958 musste sie das Storchenhaus verkaufen, durfte dort aber weiterhin wohnen. Sie starb 1960 in Wustrow. Das erhaltene Haus erinnert bis heute an die Künstlerin und an ein Kapitel der Kunstgeschichte des Fischlands, in dem sich internationale Moderne und ein Leben an der Ostsee begegneten.
Ausstellungen seit den 1990er Jahren und die umfassende Präsentation im Museum Moderner Kunst Wörlen in Passau 2012 trugen zur erneuten Würdigung ihres Schaffens bei. Ihre Wiederentdeckung macht sichtbar, wie eng die Geschichte der Moderne mit Künstlerbiografien verbunden ist, die lange außerhalb der vertrauten kunsthistorischen Erzählungen lagen.
Quellen:
Beitrag: Galerie DER PANTHER – fine art; Beitragsfoto: Musée Bourdell, nachträglich KI-bearbeitet und koloriert. Die Informationen zur Vita der Künstlerin stützen sich insbesondere auf Wolf Karge, Hedwig Woermann 1879–1960, Ausstellungskatalog, herausgegeben vom Landkreis Nordvorpommern, Ribnitz-Damgarten 1996, sowie den Kulturpfad Ostseebad Wustrow von 2008. Für die Pariser Ausbildung wurde die Sammlungsdokumentation des Musée Bourdelle herangezogen; für die übergreifende kunsthistorische Einordnung die Ausstellungsdarstellung der Ernst von Siemens Kunststiftung.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.