Josef Meng

1887 Heideck/Mittelfranken – 1974 Kufstein

Beim Anschauen seiner Gebirgslandschaften ergeht es einem wie in der Geschichte, in welcher ein alter Mann seinen jungen Freund auf eine Anhöhe führt, von wo aus beide das vor ihnen liegende Tal betrachten. „Schließe deine Augen“, fordert der Ältere seinen Begleiter auf. „Und jetzt, jetzt öffne sie wieder – siehst du etwas anderes?“ „Nein“, antwortet dieser, „es ist dasselbe“. „Schade, dass du es nicht siehst“, entgegnet der Alte, „es ist nie gleich. Immer ändert sich etwas.“ 

Dieses in der Literatur so oft idealisierte Eindringen eines Menschen in das organische Leben einer Landschaft, bei Josef Meng wird es Realität. Seine Landschaft ist die des Wilden Kaisers. In lebenslanger künstlerischer Auseinandersetzung mit dieser begrenzten Welt erlebt und malt er jene dem Augenblick unterworfenen Nuancen und Variationen, Spannungen und Bezüge, die einer Landschaft ihr Leben geben und die dem Alltagsmenschen so oft verborgen bleiben. Wie kaum ein zweiter entwickelt er einen Blick dafür und die Meisterschaft, ihn festzuhalten. Man wird an das klassische Leitbild größtmöglicher Vollendung innerhalb eines begrenzten Bezirkes erinnert. 

Bauerngehöft am Wilden Kaiser“

Öl auf Karton
ca. 60 x 72 cm (o. R.)
ca. 80 x 92 cm (m. R.)
rückseitig signiert: J. Meng,
Ortsangabe: Kufstein
datiert 1940

Preis auf Anfrage

Die Gebirgslandschaft des Wilden Kaisers war es auch, die Meng schon in frühen Jahren nach Kufstein zog, von wo aus er, ausgerüstet mit Skizzenblock oder seiner tragbaren Staffelei, seine Streifzüge in die umliegende Bergwelt unternahm. Am 3. Oktober 1887 in Heideck, Mittelfranken, geboren, pflegte er bereits als Kind sein schon früh erkennbares bildnerisches Talent, die begrenzten sozialen Verhältnisse ermöglichten ihm aber zunächst keine künstlerische Ausbildung. Nahe liegend war das Malerhandwerk, Dekorationsmalerei. Die Handwerksjahre führten ihn nach Stuttgart, Nürnberg und schließlich nach Kufstein und zur Begegnung mit einer Landschaft, die sein Leben weitgehend bestimmen sollte. Meng widmet sich jetzt ausschließlich seiner Kunst, er wird zum „Maler des Kaisergebirges“. Seine Übersiedlung nach Kufstein ist im Jahre 1908 belegt, in den Jahren 1909 und 1910 besucht er die Kunstgewerbeschule in München. 1914 bis 1918 Kriegsdienst in Frankreich und nach dem Krieg Studium an der Akademie für bildende Künste in München, unter anderem als Schüler von Franz Stuck, einem der in seiner Zeit wohl populärsten Meister des Jugendstils. Sein Thema aber bleiben seine Berge, sein Metier die naturalistische Landschaftsmalerei, mit der er ihren Geheimnissen auf der Spur ist. 

Erneut weist ein klassisches Leitbild einen Weg, wie Meng mit seinen Bildern in diese Geheimnisse der Bergwelt eindringt: Goethes Auffassung von Natur als umfassenden Organismus, in dem jeder Teil innerhalb eines Ganzen aufeinander bezogen ist. Die individuelle Erscheinung erhält ihren Sinn durch ihren Zusammenhang mit diesem übergeordneten Ganzen. Meng scheint zumindest einem wesentlichen Teil seines umfangreichen künstlerischen Werkes eine ästhetische Ausprägung dieser wissenschaftlich definierten  organischen Naturauffassung zu geben. Er stellt ihr eine Art ästhetischen Organismus der Landschaft zur Seite. Dieser zeigt sich in formalen und farblichen Zusammenhängen, die er innerhalb des allgemeinen Naturkreislaufes beobachtet und in seinen Bildern meisterhaft festhält. Blühende Bäume einer Bergwiese im Frühling treten zum Beispiel in inhaltliche Spannung zu den Schneehängen des Gebirges im Hintergrund, zugleich verbindet sich das Weiß der Blüten und des Schnees zu farblicher Harmonie. Spätsommerliche Heuschober bilden einerseits einen thematischen Kontrast zur unberührten Bergwelt, andererseits eine formale Symbiose mit ihr. Herbstliche Gewitterwolken, zu Wolkenbergen getürmt, verschmelzen mit den blaugrauen Bergketten des  Wilden Kaisers zu einer Gebirgslandschaft, in der sich Berge und Himmel zu einer kaum noch differenzierbaren Einheit verbinden. Die Bedeutung der einzelnen Erscheinung in der Malerei von  Josef Meng ergibt sich aus der ästhetischen Beziehung zueinander, der blühende Obstbaum auf der Frühlingswiese  erhält  seinen besonderen Sinn in der farblichen  Korrespondenz mit dem winterlichen Schneefeld im Hintergrund. Das Einzelne muss sich, um in Erscheinung treten zu können, vom Ganzen trennen, das Getrennte aber sucht sich wieder zu vereinigen. In einem niederen Sinn, indem es sich einfach vermischt. In höherem Sinn aber, indem es eine neue, übergeordnete Dimension hervorbringt. 

Das organische Zusammenspiel von Teil und Ganzem lässt sich bei den Bildern von Josef Meng auch im Vergleich von Einzelwerken beobachten und auch hier erschließt sich eine Dimension im Sinne von Goethe und der Klassik: die Spannung von Augenblick und Veränderung. Immer wieder findet man gleiche oder ähnliche Motive, häufig aus dem oft durchwanderten Kaisertal, gemalt zu unterschiedlichen Tages- oder Jahreszeiten, in verschiedenen atmosphärischen Stimmungen. Meng sucht hier nicht den Kontrast, sondern die Nuance, die sich nicht selten nur in Variationen der Luftbeschaffenheit ausdrückt, wenn er Konturen weicher oder härter hervortreten lässt. 

Eine Eigenart, deren Tendenz auch beim Vergleich von Festungsbildern aus seiner Wahlheimat Kufstein deutliche wird. Luftschwingungen über dem der Burg vor gelagerten Inn geben den einzelnen Bildern ihren unverwechselbaren organischen Atem und entfalten, nebeneinander gestellt, jene dem Augenblick unterworfenen Nuancen und Variationen, die einer Landschaft ihr Leben geben. Er zeigt uns etwas von ihrem Wesen, vom organischen Zusammenwirken ästhetischer Erscheinungen innerhalb der funktionalen Naturabläufe. In einer Zeit, da menschliches Wirken und menschliche Dominanz diesen Organismus zu zersetzen beginnen, erhalten Maler wie er Gewicht.

Quelle: Karl Prieler
(Tiroler Tageszeitung, 16./ 17. Jänner 1988, Kultur)