Oskar Kruses Postkartenalbum

In den Jahren 1902 bis 1905 skizzierte Oskar Kruse auf der Rückseite von

35 frankierten Postkarten

Situationen aus seinem Leben auf Hiddensee. Alle Karten sind an Dr. Erich Friedel in Berlin adressiert und abgeschickt. Friedel sammelte sie zusammen mit einigen Fotos in einem Album, das bis heute erhalten geblieben ist. Zusammengenommen ergeben die originellen Bildpostkarten vor dem Hintergrund der damaligen Situation auf der kleinen Ostseeinsel und von Kruses Biografie ein Stück Zeitgeschichte in Bildern.

 

Oskar Kruse-Lietzenburg

Oskar Kruse-Lietzenburg

Am Ende des 19. Jahrhunderts war die Insel Hiddensee ein abgelegenes, schmales Stückchen Land zwischen Bodden und Ostsee. Im Norden erhob sich das weitgehend unbewaldete aber vielerorts mit dem charakteristischen Sanddorn bewachsene Hügelland des alten Inselkerns, an dessen Nord- und Westseite ständig die See nagte, die den von der Steilküste abgebrochenen Sand weiß wusch und nach Süden transportierte. Dort, auf dem Schwemmland, lagen die zu einem Ort verschmolzenen Fischerdörfer Neuendorf und Polgshagen. In der Mitte der Insel gab es den Hauptort Vitte, ebenfalls ein Fischerdorf. Im Norden lagen der kleine Ort Grieben und das aus den Katen der Laienbrüder eines ehemaligen Zisterzienserklosters und den Behausungen der nach der Säkularisierung auf die Insel gekommenen Gutspächter und Gutsarbeiter hervorgegangene Dorf Kloster mit der alten Inselkirche. Die gesamte Insel war nur reichlich 16 km2 groß und hatte weniger als 1000 Einwohner. 13,4 km2 der Inselfläche waren im Besitz des Klosters zum Heiligen Geist in Stralsund, einem städtischen Hospiz, und damit im Besitz der Stadt Stralsund [1]. Um 1900 beschlossen die Stralsunder Ratsherren, einen beträchtlichen Streifen Land an der Westküste des Dornbusch-Hochlandes als Bauland zu verkaufen. Man hoffte auf die Ansiedlung betuchter Städter und auf eine Belebung des Badebetriebs.

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Es war eine Zeit des aufblühenden Fremdenverkehrs an der Ostseeküste. Städter fuhren zum Badeurlaub an die See oder ließen sich dort Sommerhäuser bauen, wenn sie es sich denn leisten konnten. Hiddensee aber lag im Dornröschenschlaf. Es gab nur wenige einfache kleine Gasthäuser. Im Sommer bestand eine regelmäßige Schiffsverbindung mit dem Dampfsegler Caprivi zwischen Stralsund und Kloster.

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Wer nach Vitte wollte, musste von der Dampferanlegestelle in Kloster laufen. Der kilometerlange feinkörnige, weiße Sandstrand der Westküste war fast menschenleer. Erst nach und nach wurde die Insel zu einem Geheimtipp für wenige naturliebende Badegäste. Bereits 1889 logierte beispielsweise der Gründer des Weltpostvereins Generalpostdirektor Heinrich Stephan im Gasthaus von Ernst Freese in Vitte. Er hatte 1870 die Postkarte als Korrespondenzmittel in Deutschland eingeführt. Auch der aufstrebende Dramatiker und Dichter Gerhart Hauptmann, der schon 1885 kurz einmal die Insel besucht hatte, nahm mit seiner Geliebten Margarete Marschalk seit 1896 im Sommer Quartier bei Freese, dessen Gästebuch aus dieser Zeit noch existiert.

Der Name Hiddensee wurde allmählich in Künstlerkreisen bekannt. Vielleicht machte der zu dieser Zeit wie die Brüder Oskar und Max Kruse in Berlin- Charlottenburg lebende Gerhart Hauptmann, dessen Holzbüste der Bildhauer und Bühnenbildner Max Kruse geschnitzt hatte, die Krusebrüder auf die Insel aufmerksam. Vielleicht war es auch der befreundete Charlottenburger Sanitätsrat Dr. Erich Friedel.

Geburtstagskarte für Hanna Friedel (Hannele), der Tochter des Empfängers der Postkarten aus erster Ehe, vom 5.6.1903

Oskar Kruse kam 1901 zum ersten Mal nach Hiddensee. Er suchte einen Ort, an dem er eine Künstlerkolonie ins Leben rufen konnte, eine freie Gemeinschaft bildender Künstler abseits von der Großstadt in einer inspirierenden naturnahen Landschaft, ähnlich wie er es in Dachau erlebt hatte. Als gelernter Kaufmann war er in Berlin zunächst ein erfolgreicher Brennstoffhändler geworden und Besitzer eines großen Holz- und Kohlenhofs. Eigentlich zog es ihn aber mehr zur Kunst als zu den Kohlen. Die rasch wachsende Großstadt erreichte sein Betriebsgelände, und er hatte es mit Gewinn als Bauland verkaufen können, hatte 1889 mit 42 Jahren den Bau eines repräsentativen Hauses in Berlin-Charlottenburg in Auftrag geben und ein Leben als freischaffender Maler begonnen. Sein Haus hatte er nach der Straße, in der es stand, und nach dem nahe gelegenen Lietzensee die Lietzenburg genannt. Sich selbst hatte er den Künstlernamen Oskar Kruse-Lietzenburg gegeben. Er hatte Malerei in München studiert, wo eine Gruppe von bildenden Künstlern sich 1892 aus der traditionellen Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft abgespalten und die Münchner Secession gegründet hatte.

Jury für die Ausstellung der Berliner Secession (1908)

Jury der Berliner Secession (1908), vierter von links: Max Kruse [2]

In engem Kontakt zu dieser neuen Vereinigung stand die Künstlerkolonie in Dachau, die er 1893 besucht hatte. Zur Abrundung seiner Ausbildung hatte Kruse-Lietzenburg 1894 in Paris Malkurse an der Académie Julian belegt. Bereits 1894 hatte er mit eigenen Werken an einer Ausstellung teilgenommen. 1899 war er Mitglied der inzwischen gegründeten Berliner Secession geworden. 

Oskar Kruse-Lietzenburg

Blick über Hiddensee“
Öl auf Leinwand, Signiert u.l. „Kruse-L. Berlin 1910“, rückseitig Aufkleber der Berliner Sezession,
Galerie „Der Panther“ – fine art, Preis auf Anfrage

Als Oskar Kruse-Lietzenburg 1901 zum ersten Mal Hiddensee erlebte, hat er sich wohl sofort in die vielfältige Landschaft der Insel unter dem hohen Himmel und mit dem ganz besonderen Licht verliebt. Im nächsten Jahr war er wieder dort. Wieder bei Freese. Er wollte ein großes Stück Land auf den Dornbuschhügeln kaufen als Grundlage für seine geplante Künstlerkolonie. Die Stadt Stralsund zögerte noch mit dem Verkauf des Baulandes. Sie hatte zur Bedingung gemacht, dass der Käufer garantieren sollte, dort mindestens 10 neue Häuser bauen zu lassen [3]. Sein Berliner Freund Dr. Erich Friedel war an einem Teilgrundstück für ein Sommerhaus interessiert. Für den 26. September 1902 war ein Treffen mit Dr. Friedel geplant. Der sollte gegen 16 Uhr mit dem Dampfsegler Caprivi in Kloster ankommen.

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Im Hafen von Kloster (Hiddensee)

Oskar Kruse-Lietzenburg hat seinen Weg vom Norderende in Vitte zum Bollwerk in Kloster und das vergebliche Warten auf den Erwarteten auf 23 Postkarten [4] wie eine gemalte Reportage festgehalten. Jede einzelne Karte wurde vom 30. September bis zum 20. Oktober in Vitte oder in Stralsund zum Postamt gebracht – fast jeden Tag eine in chronologischer Bildfolge – und an Dr. Friedel in Berlin abgeschickt. Viertelstündlich oder halbstündlich auf den 26. September 1902 datiert gibt es ein neues Postkartenbild.

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Postkartenvorderseite,
adressiert an Herrn Dr. Friedel, Uhlandstrasse 15, Berlin, 30.09.1902 

Es ist nicht klar, ob diese Bilder einzeln direkt während der Wanderung entlang der Boddenküste entstanden sind oder zu mehreren beispielsweise während des Wartens an der Dampferanlegestelle in Kloster oder nach der Rückkehr im Gasthaus in Vitte.
Die Serie ist wie eine Dokumentation angelegt mit genauer Angabe der Uhrzeit am unteren Bildrand.

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Postkarte vom 08.08.1903 

Für den Weg, den der Maler gegangen ist, benötigt man etwa eine halbe Stunde. Auf den Bildkarten gibt er für Hinweg, Wartezeit in Kloster und Rückweg sieben Stunden an. Die erste Karte ist auf 11 Uhr datiert. Der Maler stellt sich selbst dar mit dem charakteristischen Bart, mit Hut, Pelerine und Pumphosen. Man erkennt, dass der Bodden damals noch ohne Deich bis fast an die Häuser auf der etwas erhöht gelegenen Sprenge schwappt. Das letzte schilfgedeckte Haus am Norderende liegt gerade hinter ihm. Auf der nächsten Karte liegt die Ansicht von Vitte schon in der Ferne.  Im Hintergrund zu erkennen sind gerade noch die Mühle, das alte Haus und das Backhaus von Bäcker Schwartz, das später zum Atelier der Malerinnen des Hiddensoer Künstlerinnenbundes werden sollte.

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Diashow von drei Postkarten 11:00 Uhr, 11:30 Uhr und 12:00 Uhr

 

Es folgen Bild auf Bild: der Weg, die Ankunft am zunächst noch menschenleeren Bollwerk in Kloster um halb Eins, nach und nach das Hinzukommen anderer Menschen, die ebenfalls auf die Ankunft des Schiffes warten. Schließlich, um Viertel nach Vier, läuft die Caprivi ein und legt an.

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Diashow von vierzehn Postkarten 12:30 Uhr bis 16:00 Uhr

 

Auf dem Vorschiff ist kein Dr. Friedel zu sehen. Kruse-Lietzenburg beugt sich zurück, um in die Kabinenfenster blicken zu können. Nein, auch dort ist der Erwartete nicht. Er ist nicht mitgekommen. Enttäuscht macht sich der Maler auf den Rückweg nach Vitte, wo er schließlich abends um sechs Uhr im Licht der untergehenden Sonne sein Quartier erreicht.

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Diashow von sechs Postkarten 16:30 Uhr bis 18:00 Uhr

 

Diese Karte trägt den Stempel des Aufgabepostamtes in Stralsund vom 20. Oktober.

Im Archiv der Hansestadt Stralsund gibt es einen Kaufvertrag vom 17. Oktober 1902 zwischen dem Provisorat des Klosters zum Heiligen Geist in Stralsund und dem Kunstmaler Oskar Kruse, wohnhaft in Berlin W, Lietzenburger Strasse Nr. 53 [5]. Darin wird,  „vorbehaltlich der Zustimmung von Bürgermeister und Rath“ der Verkauf eines 63275 Quadratmeter  großen Grundstücks auf dem Dornbuschhochland und der dazugehörigen Uferböschung an Herrn Oskar Kruse zum Preis von 30.000 Mark beurkundet. Seine Nord-Süd-Ausdehnung reicht etwa von der Hucke bis zum Kirchweg. Genug Platz für eine Künstlerkolonie. Der Vertrag wird durch den Rat der Stadt bestätigt. Die Übergabe des Grundstücks an den Käufer soll allerdings erst zum 1. April 1903 erfolgen.

Flurkarte Insel Hiddensee mit dem Weg , den Oskar Kruse am 26. September 1902 von Vitte nach Kloster nahm [bearbeitet nach 6]

 

In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie wichtig es für Oskar Kruse gewesen sein muss, sich unmittelbar vor Abschluss des Kaufvertrags vor Ort mit seinem Berliner Freund zu beraten und wie groß die Enttäuschung war, als dieser ihn versetzte.

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Diashow von sieben Postkarten datiert vom 09.10 bis 05.11.1903

 

In einer Serie von 7 Karten [4] , datiert vom 9. Oktober bis zum 5. November 1903 und ebenfalls an Dr. Friedel in Berlin adressiert, wird der Bau der Hiddenseer Lietzenburg auf den Hügeln des damals noch unbewaldeten Dornbuschhochlandes bei Kloster geschildert. Dieser Bau verschlingt viel mehr Geld als geplant.

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Künstlerlandhaus mit Maleratelier Kruse auf der Insel Hiddensee bei Rügen [7][8]

 

Auch gestaltet sich der Verkauf von Teilen des riesigen Grundstücks zur Ansiedlung weiterer Künstler schwieriger als gedacht. Trotzdem entsteht nach den Plänen des Berliner Architektenbüros Spalding & Grenander eine zweite Lietzenburg, ganz anders als die erste in Berlin. Mit einem wuchtigen Fundament aus Natursteinen und einem Turm soll sie sich herrschaftlich und beherrschend auf dem höchsten Hügel des Grundstücks erheben[7]. Die Innenausstattung soll modern sein, also dem zeitgemäßen Jugendstil entsprechen. Ein Atelier mit großen Fenstern ist wichtig. Der Bauherr hatte, wie wohl jeder Bauherr, viel Arbeit und Ärger, ehe er seine zweite Lietzenburg schließlich beziehen konnte.

„Die verfluchten Kerls haben doch wahrhaftig das Fenster vergessen!“

schreibt Oskar Kruse-Lietzenburg am 28. Oktober 1903 an Dr. Friedel. Man sieht ihn mit energischen Schritten den Hügel hinaufstapfen. Seine Burg wächst auf der Hügelkuppe aus der Erde, umgeben vom Baugerüst. Ein Fuhrwerk bringt neues Baumaterial. Am Rand der Bildkarte steht gekritzelt:

„Vielen Dank für die Karte“.

 

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Postkarte vom 28.10.1903

 

Wir können nur vermuten, weshalb sich der Bauherr für das herrschaftliche Hauptgebäude seiner angestrebten Künstlerkolonie keinen neuen Namen ausgedacht hat. Es gab ja schon eine Lietzenburg in Berlin. Alle Zeitzeugen berichten übereinstimmend, er wäre ein großartiger und phantasievoller Erzähler gewesen. Daher auch sein Spitzname – oder wie die Hiddenseer sagen Ökelname – Münchhausen“. Warum also eine zweite Lietzenburg fernab des Lietzensees und der Lietzenburger Straße?

33Es wird erzählt, Kruse hätte sowohl in das Fundament der Berliner als auch der Hiddenseer Lietzenburg als Glücksbringer und Zeichen für die künstlerische Bestimmung des Gebäudes ein Bildhauereisen einmauern lassen, eine so genannte Lietze. Andere Deutungen meinen, die oft zahlreich unterhalb des Gebäudes trompetenden Blässrallen, auch Lietzen genannt, seien der Grund für die Namensgebung gewesen. Gerade dieses spekulative Element lässt bis heute ein wenig von dem eigensinnigen und humorvollen Geist des Bauherrn aufblitzen. Im Unterschied zur älteren Namensschwester gibt es die Lietzenburg auf Hiddensee bis heute. Nach mehrfachem Besitzerwechsel und aufwändigen Restaurierungs- und Modernisierungsumbauten ist sie zu einem Ferienobjekt geworden.

Neben diesen beiden Bildserien enthält das Postkartenalbum [4] einzelne, ebenfalls an Dr. Friedel gerichtete Karten. Der Kontakt zwischen dem Maler und dem Sanitätsrat ist bis zum Herbst 1905 festgehalten.

„Ist denn keine Aussicht mehr auf Ihr Kommen? Auch nicht p Ballon?“

fragt Oskar Kruse-Lietzenburg am 5. Oktober 1905 an. Und er unterzeichnet kurz und bündig mit

„Os“.

 

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Postkarte vom 05.10.1903

 

Text und Recherche: Frau Prof. Dr. Holle Greil, Potsdam

Frau Prof. Dr. Holle Greil ist freie Mitarbeiterin der Galerie „Der Panther“ – fine art. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend auf Hiddensee, wo ihr Vater seit 1948 eine Vogelwarte aufbaute und leitete. Zum Freundeskreis der Familie gehörte die im Gerhart-Hauptmann-Haus lebende Bildhauerin Karla Lucie Friedel. Sie weckte in dem wissbegierigen Mädchen die Liebe zur Kunst. Aus ihrem Besitz stammt das hier vorgestellte Kruse-Album mit den an ihren Ehemann adressierten Bildpostkarten. Frau Greil ist ihrer Heimatinsel und deren künstlerischer Atmosphäre stets verbunden geblieben, auch wenn ihr beruflicher Weg sie zur Biologie und zur Anthropologie führte. Sie ist seit 1994 Mitglied der Universität Potsdam und Professorin für Humanbiologie.

 

Quellen:

[1] Jürgensohn A (1997) Hiddensee das Capri von Pommern Reprint der Auflage von 1924. Artcolor, Hamm/Westf. und Leipzig
[2] Fotomaterial Berliner Secession:  Wikipedia
[3] Gustavs A (2008) Gerhard Hauptmann auf Hiddensee. Gustavs, Zepernick
[4] Bildmaterial aller Postkarten: Galerie „DER PANTHER“ – fine art
[5] Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund  (Sigle: StAS), Rep. 9, Nr. 802
[6] Flurkarte der Insel Hiddensee: nach Arwed Jürgensohn 1924
[7] Zentralblatt der Bauverwaltung von 1903 (Künstlerhaus mit Maleratelier);  1906 (Haus Kruse auf der Insel Hiddensee)
[8] Fotomaterial zur Lietzenburg und Bewohner:  Wikipedia

 

 


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