Künstlerischer Aufbruch: Die Pariser Jahre von Julie Wolfthorn, Ida Gerhardi, Adele von Finck, Jelka Rosen und Dora Hitz
Paris, 1890er Jahre – ein Epizentrum der Kunst, voller Bohème-Leben, neuer Strömungen und unbegrenzter Möglichkeiten. Fünf außergewöhnliche Künstlerinnen aus verschiedenen Teilen der Welt fanden in dieser vibrierenden Metropole zueinander, um ihre Talente zu formen, ihr Leben zu verknüpfen und Kunstgeschichte zu schreiben.
Ein neues Kapitel in der Stadt der Lichter
Julie Wolfthorn, Ida Gerhardi, Adele von Finck, Jelka Rosen und Dora Hitz kamen zu unterschiedlichen Zeiten nach Paris, doch alle zog dasselbe Streben nach künstlerischer Perfektion und persönlicher Freiheit in die Stadt. Paris bot nicht nur die besten Kunstakademien, sondern auch ein inspirierendes Umfeld, in dem neue Ideen ungehindert sprießen konnten.

Die fünf Frauen bezogen kleine Apartments in Montparnasse und Montmartre, den damaligen Künstlervierteln. Während Ida Gerhardi und Julie Wolfthorn oft in der Nähe des Boulevard Saint-Michel zu finden waren, wo sich die Ateliers junger Künstlerinnen reihten, lebte Jelka Rosen mit Adele von Finck in einer Wohnung in der Rue Lepic. Dora Hitz, die bereits etablierter war, hatte ein geräumigeres Atelier, das zum Treffpunkt ihrer Freundinnen und vieler prominenter Künstlerinnen wurde.

Titelfoto der L’Illustration, 1908 („Les Nouvelles Merveilleuses“)
Die Ateliers und das Lernen in Paris
Ihre Tage begannen oft im Atelier Colarossi oder an der Académie Julian, wo sie unter den wachsamen Augen berühmter Lehrer wie Gustave Courtois und Jean-Paul Laurens lernten. Die Akademien waren einige der wenigen Institutionen, die Frauen damals aufnahmen, doch selbst hier mussten sie oft gegen Vorurteile kämpfen. „Unsere Pinselstriche sind genauso kraftvoll wie die der Männer“, schrieb Julie Wolfthorn später in einem Brief an eine Freundin.
Nach den Stunden in den Ateliers verbrachten die Frauen ihre Zeit in den Salons und Cafés von Paris, wo u.a. auch Künstlern wie Henri Matisse, Paul Cézanne und Camille Claudel diskutierten. Besonders beeindruckend war ihre Begegnung mit dem Werk der Künstlerin Berthe Morisot, einer der wenigen bereits etablierten Malerinnen.

Académie Colarossi (Paris) um 1892,
Ida Gerhardi stehend rechts, Julie Wolfthorn (sitzend) 2. von rechts, Jelka Rosen (stehend) 3. von rechts, Adele von Finck (mittig unten), Dora Hitz (links)
Das Leben zwischen Bohème und Herausforderungen
Die Pariser Jahre waren jedoch nicht nur von künstlerischen Höhen geprägt. Das Leben in der Stadt war teuer, und viele der Frauen hatten mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Adele von Finck verkaufte oft ihre Skizzen an Touristen, während Ida Gerhardi durch Porträtaufträge etwas Geld verdiente. Jelka Rosen, deren musikalische Leidenschaft sie später zu ihrer Ehe mit dem Komponisten Frederick Delius führte, spielte abends Klavier in Salons, um über die Runden zu kommen.
Die Frauen unterstützten einander jedoch bedingungslos. „Wir waren Schwestern im Geiste“, schrieb Dora Hitz in einem späteren Tagebucheintrag. Ihre Zusammenarbeit erstreckte sich nicht nur auf die Kunst – oft teilten sie Mahlzeiten, Materialien und sogar das wenige Geld, das sie hatten.
Das Vermächtnis der Pariser Jahre
Nach den Pariser Studienjahren trennten sich ihre Wege, doch die Zeit in Paris blieb ein prägender Abschnitt für alle fünf Künstlerinnen.
- Julie Wolfthorn kehrte nach Berlin zurück, wo sie eine zentrale Figur in der Künstlerinnengruppe Verbindung Bildender Künstlerinnen wurde. Tragisch endete ihr Leben jedoch, als sie 1944 im Ghetto Theresienstadt starb.

„Frühling in Paris“
Öl auf Leinwand
ca. 93 x 63,5 cm (o. R.)
sign. u. L. „Julie Wolfthorn“
um 1892
Eines der sehr wenigen Werke, welches die Künstlerin während ihres Studiumsaufenthalts in Paris (Privatakademie Colarossi) zw. 1892 – 1898 gemalt hat und bis heute erhalten blieb bzw. bekannt ist.
Ähnlich wie das Werk „Bildnis der Frau Konsul A. (Ida Dehmel)“ zeigt auch dieses Bild den Einfluß der Begegnung Wolfthorns mit dem Maler Giovanni Boldini im Jahr 1897 in Paris.
- Ida Gerhardi blieb noch lange in Paris und wurde eine wichtige Förderin deutscher Künstler*innen in Frankreich. Sie kehrte später nach Deutschland zurück und widmete sich Porträts und Genrebildern.

Porträt „Ida Gerhardi“
Kohle/Blei auf Papier
ca. 35 x 50 cm (o. R.)
Signatur: unten rechts „Julie Wolf-Thorn“
zw. 1892 – 1896
Dieses Porträt, welches die Künstlerin Ida Gerhardi zeigt – von Ihrer Freundin und Studienkollegin Julie Wolfthorn gezeichnet – entstand während des gemeinsamen Studienaufenthalts an der Académie Colarossi in Paris.
Beide Künstlerinnen studierten zusammen über viele Jahre bei dem berühmten Porträtmaler Gustave Courtois und bei dem ebenfalls bekannten Porträt- und Dekorationsmaler Edmond Aman-Jean. Julie Wolfthorn wohnte ab dem Jahr 1892 in der Rue Vaugirrard. Ebenfalls hatten Ida Gehardi und Julie Wolfthorn engen Kontakt in dieser Zeit zu anderen Studienkolleginnen wie u.a. Käthe Kollwitz, Meta Neumann, Adele von Finck, Dora Hitz, Maria Slavona, Ottilie Roederstein oder Jelka Rosen.
- Adele von Finck lebte zunächst in Berlin, wo sie an den Avantgarde-Bewegungen der 1920er Jahre teilnahm. Über ihre späteren Jahre ist wenig bekannt, doch ihre Werke finden sich in mehreren europäischen Sammlungen.

“Frauen im Gespräch”
rückseitig mit Aufkleber und Stempel versehen ”Grosse Berliner Kunstausstellung”
Hierbei handelt es sich um das Werk „Frauen im Gespräch“ (Grosse Berliner Kunstausstellung Ausstellung vom 16. Juni bis 30. September 1917, Katalog-Nr. 77)
Öl auf Leinwand
u. re. sign. A.v.Finck
90 x 118 cm (o. R.)
Dieses kunsthistorisch sehr bedeutende Werk stellte auf der linken Seite die Künstlerin Julie Wolfthorn dar, ganz rechts ihre Schwester Li (Luise Wolf). In der Mitte „Frau Professor“ (wie sie zeitgenössisch nach ihrem berühmten Ehemann Peter B. genannt wird) Lilly Behrens, geb. Krämer. Alle drei waren kurz nach 1900 bereits bekannte und anerkannte kreative, arbeitende Frauen: als Malerin, Schriftstellerin und Literaturübersetzerin bzw. als „Designerin“, wie man Behrens heute nennen würde, die mit ihrer Familie 1907 nach Potsdam zog. Das Mädchen unten links ist Petra Behrens, zu der Julie Wolfthorn ihr Leben lang ein enges Verhältnis pflegte und diese mehrmals portraitiert hat. Man kann davon ausgehen, dass dieses Werk in der gemeinsamen Wohnung von Julie und Luise (Kurfürstenstrasse 50) seinen Ursprung gefunden hat. Auch Adele von Fink war ab 1907 unter der Adresse der Kurfürstenstrasse 50 in Berlin eingetragen und wohnte somit mit beiden Schwestern im selben Haus.
- Jelka Rosen heiratete Frederick Delius und ließ sich in Grez-sur-Loing nieder. Sie widmete sich der Landschaftsmalerei und trug wesentlich zur Verbreitung von Delius’ Musik bei.

„Sinnierende Frau am Ufer des Loing“
Öl auf Leinwand
ca. 41 x 27 cm (o. R.)
ca. 68 x 45 cm (m.R.)
signiert und datiert „J. Rosen 1896“
Preis auf Anfrage
Die Künstlerin Jelka Rosen mietete im Sommer 1896 ein Haus im französischen Dorf Grez sur Loing, ca. 40 km von der Hauptstadt Paris entfernt. Grez sur Loing war bereits als Künstlerkolonie etabliert und grenzüberschreitend berühmt. In dem abgeschiedenem Garten des gemieteten Hauses, direkt am Ufer des Flußes Loing, ging es Jelka Rosen und ihrer engen Feundin Ida Gerhardi um das „Malen im Freien“. Weit ab von Paris, wo sie gemeinsam an der Académie Colarossi studierten und hier ihre eigenen „fortschrittlichen Ideen über Kunst und Leben“ verwirklicht sahen. Beide Malerinnen standen sich in diesem besonderen Sommer 1896 gegenseitig Modell. Auch vertieften beide ihre Studien in der Aktmalerei, für welche sie eigens das Modell „Marcelle“ wählten. Ein Jahr später konnte die Künstlerin zusammen mit ihrer Mutter das Anwesen erwerben.
- Dora Hitz wurde in Berlin Hofmalerin und eine einflussreiche Vertreterin des Symbolismus. Sie blieb Zeit ihres Lebens in Deutschland und wurde 1916 als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen.
Eine Zeit, die die Kunst veränderte
Die Pariser Jahre der fünf Künstlerinnen stehen nicht nur für ihre individuelle Entwicklung, sondern auch für den Kampf von Frauen um Anerkennung in einer von Männern dominierten Kunstwelt. Ihre Freundschaft, ihr Talent und ihre Entschlossenheit setzten neue Maßstäbe und hinterließen ein Vermächtnis, das bis heute nachhallt.
In den letzten 20 Jahren fanden mehrere Ausstellungen statt, die sich mit den Werken von Julie Wolfthorn, Ida Gerhardi, Jelka Rosen, Dora Hitz und verwandten Künstlerinnen beschäftigten. Hier sind einige bemerkenswerte Beispiele:
Julie Wolfthorn
- Berlin (2024): Im Verein der Berliner Künstlerinnen wurde eine umfassende Ausstellung ihrer Werke gezeigt, die ihre Bedeutung als Porträtmalerin und Netzwerkerin beleuchtete. Neben den Gemälden wurden auch ihre Arbeiten aus Theresienstadt und ihre Zeit als Mitglied der Berliner Secession präsentiert.
- Potsdam (2015): Die Ausstellung „Künstlerinnen der Moderne“ im Potsdam-Museum würdigte Julie Wolfthorn neben anderen Künstlerinnen wie Magda Langenstraß-Uhlig.
Ida Gerhardi
- Lüdenscheid (2007 und 2017): Im Stadtmuseum Lüdenscheid fanden zwei große Retrospektiven statt, die Gerhardis Pariser Jahre und ihre Rolle als Vermittlerin der französischen Moderne in Deutschland hervorhoben.
Dora Hitz
- Berlinische Galerie (2021): Die Ausstellung „Künstlerinnen der Berliner Secession“ zeigte Hitz als zentrale Figur und beleuchtete ihren Beitrag zur Berliner Kunstszene um 1900.
Jelka Rosen
- London (2008): Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Delius Trust stellte ihre Arbeiten sowie ihre Rolle als Unterstützerin ihres Mannes Frederick Delius vor.
Weitere Perspektiven
Diese Ausstellungen betonten, wie diese Künstlerinnen trotz widriger Umstände – sei es Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts oder, wie bei Wolfthorn, ihrer jüdischen Herkunft – zentrale Figuren der europäischen Kunstszene wurden. Ihre Arbeiten und Netzwerke, besonders aus den Pariser Studienjahren, sind ein wichtiger Bestandteil der Kunstgeschichte.

Académie Julian, Paris
Die Galerie „DER PANTHER – fine art“ wird sich in Zukunft verstärkt auf die Förderung, Erforschung und Präsentation der Werke und Lebensgeschichten der Künstlerinnen Julie Wolfthorn, Ida Gerhardi, Dora Hitz, Adele von Finck, Käthe Kollwitz, Maria Slavona und Jelka Rosen konzentrieren. Dabei werden folgende Ansätze verfolgt:
1. Historische Aufarbeitung und Forschung
- Archivarbeit: Die Galerie plant, historische Dokumente, Briefe und Fotografien in Zusammenarbeit mit Archiven und Museen aufzubereiten, um das Leben und die Werke dieser Künstlerinnen umfassend zu dokumentieren.
- Kooperationen mit Experten: Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern, Genderforscher*innen und Historikern, um das künstlerische und gesellschaftliche Umfeld dieser Frauen zu beleuchten.
- Wissenschaftliche Publikationen: Veröffentlichung von Monografien, Ausstellungskatalogen und Essays, die sich mit den spezifischen Herausforderungen und Leistungen der Künstlerinnen beschäftigen.
2. Kuratorische Ansätze
- Thematische Ausstellungen: Gezielte Präsentationen, die künstlerische Strömungen, gesellschaftliche Bedingungen oder persönliche Netzwerke der Künstlerinnen in den Mittelpunkt stellen.
- Beispiele: „Kunst im Schatten der Moderne“ oder „Frauen in der Secession – Kampf um Anerkennung“.
- Dialogische Formate: Paarungen von Werken der genannten Künstlerinnen mit zeitgenössischen Positionen, um Kontinuitäten und Diskontinuitäten sichtbar zu machen.
- Digitalisierung und Virtuelle Ausstellungen: Aufbau eines virtuellen Archivs und 3D-Ausstellungen, um Werke auch online zugänglich zu machen.
3. Bildung und Vermittlung
- Workshops und Führungen: Speziell entwickelte Programme für Schulen, Universitäten und Interessierte, die auf die historischen Kontexte und die Rolle der Künstlerinnen eingehen.
- Vortragsreihen: Regelmäßige Vorträge von Expert*innen zu Themen wie „Frauen und Kunst in der Kaiserzeit“ oder „Exil und künstlerische Freiheit“.
- Jugendförderung: Förderung von jungen Talenten durch Stipendienprogramme, die auf die Auseinandersetzung mit feministischen und historischen Kunstthemen abzielen.
4. Netzwerkaufbau
- Kollaboration mit Museen und Institutionen: Partnerschaften mit Museen, wie dem Käthe-Kollwitz-Museum, oder Einrichtungen auf der Insel Hiddensee, um den Bezug zu historischen Orten lebendig zu halten.
- Interdisziplinäre Ansätze: Einbindung von Musik, Theater und Literatur in Ausstellungen, etwa durch Bezug auf das Umfeld von Jelka Rosen (als Ehefrau von Frederick Delius) oder auf literarische Zeitgenossen wie Gerhart Hauptmann.
5. Bezug zur Gegenwart
- Aktualisierung der Themen: Auseinandersetzung mit feministischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, die auch heute Relevanz haben, wie der Zugang von Frauen zur Kunstwelt und die Wertschätzung weiblicher Perspektiven.
- Residenzprogramme: Einladung zeitgenössischer Künstlerinnen, sich mit den Werken und Lebensgeschichten der vorgestellten Künstlerinnen auseinanderzusetzen.
Die Galerie „DER PANTHER“ – fine art möchte somit nicht nur ein Bewusstsein für die Verdienste dieser Künstlerinnen schaffen, sondern sie auch in den aktuellen Diskurs einbetten, um die Relevanz ihrer Werke und Lebenswege für die Gegenwart zu betonen.
Quellen:
Text: Galerie „DER PANTHER“ – fine art, Dezember 2024;
Abbildungen Werke: Sammlungsbestand Galerie „DER PANTHER“ – fine art;
Beitragfoto: Academie Julian, Paris, 1892; abgebildet sind u.a. Julie Wolfthorn, Adele von Finck, Jelka Rosen, Ida Gerhardi sowie Dora Hitz, (Copyright Galerie „DER PANTHER“ – fine art);
Académie Colarossi (Paris) um 1892; LWL-Museum für Kunst und Kultur (Westfälisches Landesmuseum), Münster/Gerhardi-Archiv.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.