Der „Rosafarbene Salon“: Marianne von Werefkin und die Schwabinger Bohème

Die Kunstwelt des Fin de Siècle war ein Schmelztiegel der Ideen, in dem Marianne von Werefkin eine zentrale Rolle spielte.

Das Fin de siècle steht für eine glanzvoll verfeinerte Kunst des Verfalls und des Aufbruchs, der Dekadenz und der Naturnähe. Zugleich bedeutet es eine kreative Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden 20. Jahrhundert, mit seinen Fortschrittsverheißungen und Untergangsfantasien.

Mit der Gründung ihres „Rosafarbenen Salons“ 1897 in Schwabing, dem Künstlerviertel Münchens, schuf Marianne von Werefkin nicht nur einen Treffpunkt für visionäre Künstler(-innen), sondern legte auch den Grundstein für zwei der einflussreichsten Bewegungen des deutschen Expressionismus: die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) und den Blauen Reiter.

Selbstbildnis I, Marianne von Werefkin, 1910, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München
Selbstbildnis I, Marianne von Werefkin, 1910, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

Der „Rosafarbene Salon“: Ein Zentrum für Avantgarde und Dialog

Marianne von Werefkin, eine russische Malerin mit aristokratischem Hintergrund, hatte eine klare Vision: Kunst sollte nicht nur schöpferisch, sondern auch intellektuell sein. Ihr „Rosafarbener Salon“, benannt nach den pastellfarbenen Wänden ihrer Wohnung, wurde zum Sammelpunkt für Gleichgesinnte, die Kunst als Medium des geistigen Austauschs verstanden. Der Salon befand sich in der Giselastraße 23 in München und war ein wichtiger Ort des kulturellen Lebens, der bis etwa 1909 existierte.

Giselastrasse, München, 1900
Giselastrasse, München, 1900

Hier fanden sich die Pioniere der Moderne ein, darunter Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky, Gabriele Münter, Franz Marc, Paul Klee, August Macke, Alfred Kubin sowie Künstlerinnen wie Marianne Werefkin selbst, Lou Lazard, Maria Franck-Tiechler, Natalja Gontscharowa oder auch Sonia Delaunay. Die Gespräche kreisten um Themen wie Mystik, Philosophie, die Rolle der Kunst in einer sich rapide verändernden Welt sowie um künstlerische Techniken und Ausdrucksformen. Marianne von Werefkin, oft als „weiblicher Rembrandt“ bezeichnet, gab ihren Salon nicht nur für Diskussionen frei, sondern förderte auch gezielt den Austausch zwischen Künstlern verschiedener Nationalitäten.

Besonders bemerkenswert war die Präsenz und das Engagement von Künstlerinnen, die im Salon vertreten waren. Marianne von Werefkin selbst war eine Vordenkerin und Organisatorin, die andere Frauen ermutigte, sich künstlerisch und intellektuell zu entfalten.

Unter den Teilnehmerinnen waren neben Gabriele Münter, als bedeutende Vertreterin des Expressionismus und Partnerin von Wassily Kandinsky, auch Else Lasker-Schüler, die den Austausch zwischen Kunst und Literatur als expressionistische Dichterin engagiert förderte. Dieses Engagement vervollkommnete Lou Andreas-Salomé, sowohl Schriftstellerin als auch Psychoanalytikerin, indem sie neben literarischen Inhalten mit Aspekten der Psychoanalyse neue intellektuelle Schwerpunkte in die Diskussionen einbrachte.

Franziska zu Reventlow, Bildnachweis: Monacensia, München.
Franziska zu Reventlow, Bildnachweis: Monacensia, München.

Auch Schriftstellerinnen wie Franziska zu ReventlowMargarete Beutler und Emmy Hennings, konnten sich in ihrem Aufbegehren gegen gesellschaftliche Schranken und bürgerliche Moral mit ihren neuen Lebensentwürfen und Texten in der Schwabinger Bohème, überzeugend in Szene setzen.

Auch die Künstlerin Ottilie Reylaender, im engsten Kontakt mit der Avantgarde stehend, wurde -nach ihrem Parisaufenthalt – auch hier in München Mitglied des Salons. Hier, im „Rosafarbenen Salon“,  lernte sie 1905 den polnischen Glasmaler Bohdan von Suchocki kennen, der nach seiner Trennung von Franziska zu Reventlow später für längere Zeit Ottilie Reylaenders Lebensgefährte in Mexiko werden sollte.

Ottilie Reylaender - Selbstportrait
Ottilie Reylaender – Selbstportrait (Galerie „DER PANTHER“ – fine art)

Nur ein paar Straßen entfernt vom „Rosafarbenen Salon“ befand sich das „Eckhaus“ in der Kaulbachstraße, das während der Jahre 1903 bis 1906 ein weiterer Hotspot der Münchner Bohème war. Hier lebten Franziska zu Reventlow und Bohdan von Suchocki zusammen mit dem unehelichen Sohn der Gräfin sowie Franz Hessel. Das Gebäude war ebenfalls ein Treffpunkt für Künstlerinnen, Literaten, Revoluzzer und verkrachte Existenzen beiderlei Geschlechts, was die lebendige und unkonventionelle Atmosphäre der Münchner Kunstszene dieser Zeit widerspiegelte. Auch Ottilie Reylaender gehörte für eine bestimmte Zeit dieser Wohngemeinschaft an, bis sie 1910 mit Bohdan von Suchocki zuerst in die USA, dann nach Mexiko ging.

Franziska zu Reventlow in der Küche des Eckhauses, 1904 (Archiv Monacensia)
Franziska zu Reventlow in der Küche des Eckhauses, 1904 (Archiv Monacensia)

Eine weitere besondere Rolle in der Schwabinger Bohème spielte auch die Künstlerin Julie Wolfthorn, die als Mitglied der 1882 gegründeten Künstlerinnenvereinigung München (KVM) und durch ihre Teilnahme an den Jahresausstellungen im Münchner Glaspalast zwischen 1894 und 1904 eine aktive Präsenz in der Münchner Kunstszene hatte. Ab 1897 publizierte sie regelmäßig in der Münchner Kulturzeitschrift „Jugend“. 1906 gründete sie gemeinsam mit Berliner und Münchner Künstlerinnen die Ausstellungsgemeinschaft „Verbindung Bildender Künstlerinnen Berlin – München“

Julie Wolfthorn 1906
Julie Wolfthorn 1906, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv Kester.

Diese Ausstellungsgemeinschaft symbolisierte den Aufbruch der Künstlerinnenbewegung und zeigte, wie Frauen gemeinsam in einer von Männern dominierten Kunstszene Anerkennung suchten und erhielten. Die Gründerinnen waren visionäre Künstlerinnen, die ihre Karrieren nicht nur dem persönlichen Erfolg, sondern auch der Förderung anderer Frauen widmeten. Zu den Initiatorinnen zählten in Berlin unter anderem Käthe Kollwitz, Julie Wolfthorn und Sabine Lepsius. In München spielten Frauen wie Maria Caspar-Filser und Gabriele Münter eine zentrale Rolle. Diese Gemeinschaft veranstaltete zahlreiche Ausstellungen in Berlin, München und weiteren Städten des Deutschen Kaiserreichs. Diese Ausstellungen boten nicht nur Raum für den künstlerischen Ausdruck, sondern auch für intellektuelle und gesellschaftspolitische Diskussionen. Die Veranstaltungen waren gut besucht und trugen dazu bei, dass Künstlerinnen eine breitere Anerkennung erhielten. Einer der größten Erfolge war die Teilnahme an der Weltausstellung 1913 in Gent, wo die Werke der Gemeinschaft international Aufmerksamkeit erregten.

Diese gemeinschaftlichen Initiativen zogen u.a. auch Künstlerinnen wie Dora Hitz, Ida Gerhardi und Adele von Finck welche in den 1890er Jahren gemeinsam mit Julie Wolfthorn in Paris studiert hatten und auch danach in engem Kontakt standen, nach München.

Academie Julian, Paris, 1892; abgebildet sind u.a. Julie Wolfthorn, Adele von Finck, Jelka Rosen, Ida Gerhardi sowie Dora Hitz, (Copyright Galerie „DER PANTHER“ – fine art)
Academie Julian, Paris, 1892; abgebildet sind u.a. Julie Wolfthorn, Adele von Finck, Jelka Rosen, Ida Gerhardi sowie Dora Hitz, (Copyright Galerie „DER PANTHER“ – fine art)


München galt neben Paris, Wien und Berlin in den 1890er Jahren als ein Epizentrum der Kunst, voller Bohème-Leben, neuer Strömungen und unbegrenzter Möglichkeiten. Auch namhafte Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz oder Clara Rilke-Westhoff pflegten, wenn auch eher unregelmässig, diese Verbindungen nach München.

Ein Zentraldoppelgestirn der Moderne in Deutschland: Clara Rilke-Westhoff und Rainer Maria Rilke, aufgenommen im Jahr 1905Worpsweder Archiv
Ein Zentraldoppelgestirn der Moderne in Deutschland: Clara Rilke-Westhoff und Rainer Maria Rilke, aufgenommen im Jahr 1905, Worpsweder Archiv

All diese Frauen teilten ein gemeinsames Ziel: Die Kunst in ihrer Zeit zu revolutionieren und der künstlerischen Arbeit von Frauen Sichtbarkeit zu verleihen. 

Alexej von Jawlensky, „Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff“, 1909, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.
Alexej von Jawlensky, „Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff“, 1909, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.

Ebenso war der Tänzer Alexander Sacharoff ein regelmäßiger und geschätzter Gast des Salons. Sacharoff brachte eine neue Dimension der Performance-Kunst in die intellektuellen Diskussionen ein und inspirierte durch seine avantgardistischen Tanzvorführungen alle Kunstschaffenden der damaligen Zeit.

Auch Literaten und Dichter wie Rainer Maria Rilke, dessen enge Verbindungen zu Künstlerinnen wie Lou Andreas-Salomé, Lou Lazard und Ottilie Reylaender bekannt waren, sowie Thomas Mann und Franz Wedekind haben zeitweilig am regen Austausch im Salon teilgenommen. Ihre Anwesenheit unterstrich die interdisziplinäre Natur des „Rosafarbenen Salons“, der als Schnittstelle zwischen Kunst, Literatur und Philosophie fungierte.

Die Bruderschaft von Sankt Lukas: Ein Blick in die Vergangenheit

Die Mitglieder des Salons fanden Inspiration in der Tradition der mittelalterlichen Lukasgilden, den Schutzpatronen der Maler und Bildhauer. Unter dem Namen Bruderschaft von Sankt Lukas verbanden sie das Ideal der Künstlergemeinschaft mit einer romantisierten Vorstellung von handwerklicher Tradition und spiritueller Tiefe.

Für Werefkin und ihre Mitstreiter war die Bruderschaft nicht nur eine Hommage an vergangene Zeiten, sondern auch ein Ausdruck ihres Widerstands gegen die Akademien und die Konventionalität des etablierten Kunstbetriebs.

Von der Lukasbruderschaft zur Neuen Künstlervereinigung München

Der Geist des „Rosafarbenen Salons“ und der Lukasbruderschaft fand bald eine formalere Struktur in der Neuen Künstlervereinigung München (N.K.V.M.), die 1909 gegründet wurde. Die N.K.V.M. war ein Zusammenschluss von Künstlern, die gegenüber der konventionellen Kunst rebellierten und neue Ausdrucksformen suchten. Marianne von Werefkin und Gabriele Münter spielten Schlüsselrollen in der Vereinigung, die eine Brücke zwischen den impressionistischen Einflüssen des 19. Jahrhunderts und der expressiven Freiheit des 20. Jahrhunderts schlug.

Ausstellungsplakat zur 1. Ausstellung in der Galerie Thannhauser
Ausstellungsplakat zur 1. Ausstellung in der Galerie Thannhauser

Doch die Spannungen innerhalb der N.K.V.M., insbesondere zwischen Kandinsky und den anderen Mitgliedern, führten zur Abspaltung einer Gruppe um Kandinsky und Franz Marc. Diese formierten sich 1911 zur Bewegung des Blauen Reiters, die internationale Bekanntheit erlangte und bis heute als Symbol für die expressionistische Kunst gilt. Auch hier blieben Künstlerinnen wie Münter und Werefkin einflussreiche Figuren, die die Richtung der Bewegung maßgeblich prägten.

Ein Vermächtnis für die Kunstgeschichte

Der Einfluss des „Rosafarbenen Salons“ und der Ausstellungsgemeinschaft „Verbindung Bildender Künstlerinnen Berlin – München“ ist in der Kunstgeschichte unübersehbar. Beide Initiativen gaben Künstlerinnen eine Stimme in einer Zeit, die von männlich dominierten Strukturen geprägt war, und legten den Grundstein für einige der bedeutendsten Bewegungen der Moderne.

Der „Rosafarbene Salon“ war nicht nur ein Treffpunkt, sondern ein kreatives Labor, in dem interdisziplinäre Ideen geboren wurden. Die Ausstellungsgemeinschaft „Verbindung Bildender Künstlerinnen Berlin – München“ zeigte, wie wichtig Kooperation und Netzwerke für die Sichtbarkeit von Künstlerinnen waren. Zusammen leisteten sie einen wichtigen Beitrag zur Etablierung der Avantgarde und bewiesen, dass Kunst nicht nur transformativ, sondern auch gesellschaftlich verbindend sein kann.

Quellen:
Beitrag: Galerie „DER PANTHER“ – fine art
Beitragsbild: Galerie „DER PANTHER“ – fine art; auf historischen Details zum Salon KI-generierte Visualisierung (Copyright Galerie „DER PANTHER“ – fine art)