Julie Wolfthorn – Predigthilfe zum Israelsonntag

Ein Frauenporträt ziert die aktuelle Ausgabe der Predigthilfe zum Israelsonntag. Es ist das farbenreiche und intensive Bild der deutsch-jüdischen Malerin Julie Wolfthorn, die 1864 in Thorn im damaligen Westpreußen (heute Toruń, Polen) geboren wurde und 1944 in Theresienstadt starb. Aktiv im Berliner Künstler – leben und im Jüdischen Kulturbund war diese bemerkenswerte und lebendige Künstlerin, die in einem ihrer letzten Briefe an einen Freund schrieb: »Vergessen Sie uns nicht!«.

 

Das möchte die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (1)(2) nicht tun und setzt ihr mit der vorliegenden Publikation und der Einführung durch Ingrid Schmidt der Künstlerin ein Denkmal:

Erinnerung an Julie Wolfthorn (1864-1944)

von Ingrid Schmidt, April 2017 (3)

Eine englische Ausstattungsfirma pries in ihrem Katalog 1849 einen Klappsessel mit Staffelei an »for the use of the Lady Sketcher«  : Eine neue Zeit brach an – für Frauen, die sich als professionelle Künstlerinnen verstanden, nicht länger als Wunderkinder mit Ausnahmetalent oder als Hausfrauen, die zum Zeitvertreib auch hin und wieder malten – und dafür belächelt wurden.

Fünfzig Jahre später jedoch wurden Künstlerinnen noch immer als »Malweiber« verunglimpft.  Als Sängerinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen waren sie schon lange gefragt, aber bildende Künstlerinnen galten als Konkurrentinnen, Eindringlinge in eine Männerwelt – »dilettierende Emanzen«. Mit dem neuen Jahrhundert gewannen auch Malerinnen neues Selbstbewusstsein. Sie verbündeten sich, beispielsweise im Hiddenseer Künstlerinnenbund (gegr. 1922) – hier fanden sich u. a. zusammen: Elisabeth Andrae, Clara Arnheim, Katharina Bamberg, Elisabeth Büchsel, Henni Lehmann, Käthe Loewenthal, Dorothea Stroschein. Sie trafen sich zu gemeinsamen Studien und Reisen.

Wie viele ihrer männlichen Kollegen zogen sie mit Staffelei, Pinsel, (Tuben!)-Farben und Palette hinaus, richteten ihre Kleidung nach Wetter und Jahreszeit. Die landschaftliche Schönheit, das Leben der Fischer und ihrer Familien inspirierten sie, und das Leben auf dem Lande ließ sich preiswerter gestalten als in der Großstadt.

Julie Wolfthorn mit ihrem Ehemann dem Kunsthistoriker und -kritiker Rudolf Klein

Bis 1918 war Frauen in Berlin ein Akademiestudium nicht erlaubt, private Malschulen aber unterstützten sie in ihrem Begehren und ihren Begabungen. Einer von ihnen gilt hier unsere Aufmerksamkeit, unser Gedenken: der deutsch-jüdischen Malerin, Zeichnerin, Graphikerin Julie Wolfthorn, geb. als Julie Wolf(f ), am 8. Januar 1864 in Thorn/Westpreußen (heute: Toruń, Polen), einige Jahre verheiratet mit dem Kunstkritiker Rudolf Klein (1871-1925). 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester Luise in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Am 29. Dezember 1944 starb Julie Wolfthorn, kurz vor Vollendung ihres 81. Geburtstages, in Theresienstadt. Ihr Schwager hatte sich, als auch ihm die Deportation drohte, das Leben genommen. Julie Wolfthorn, die vor 1900 begann, mit diesem Künstlernamen zu signieren, lebte nahezu fünfzig Jahre in Berlin-Tiergarten, die meiste Zeit in der Kurfürstenstraße. Sie engagierte sich schon früh in der Kunst- und Kulturszene mit intensiven freundschaftlichen Kontakten. Sie war eine Berühmtheit im Kreis der Maler_innen und Schriftsteller_innen, hervorragend vernetzt im Kunstbetrieb, erfolgreich mit Ausstellungen in Berlin, München, Hamburg,

 

Académie Colarossi (Paris) um 1896
Im Atelier Colarossi, Ida Gerhardi stehend rechts, Julie Wolfthorn (sitzend) 2. von rechts, Jelka Rosen (stehend) 3. von rechts. (4)

Zeitschrift Jugend, 1897 (5)

Weimar, Dresden. Sie war regelmäßig in der Künstlerkolonie Dachau aktiv, beteiligte sich an etlichen »Großen Berliner Kunstausstellungen«, an den Jahresausstellungen im Münchener Glaspalast. Und sie liebte die Kunstmetropole Paris. Gemeinsam mit Max Liebermann, mit vielen Künstlern und drei (!) Künstlerinnen begründete sie 1898 die Berliner »Secession«in Opposition zur offiziell vorherrschenden Kunstpolitik des wilhelminischen Kaiserreichs. Ab 1897 publizierte sie als eine der wenigen Illustratorinnen regelmäßig in der Münchener Kulturzeitschrift »Jugend«.

Bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war Julie Wolfthorn eingebunden in etliche Organisationen der Kunstszene. So war sie – teils in Leitungspositionen – Mitglied der wichtigsten, noch heute bestehenden Frauenkunstverbände. 1905 gehörte sie zu den Gründerinnen der »Verbindung Bildender Künstlerinnen Berlin – München«. Sie unterzeichnete, selber längst arriviert, gemeinsam mit über zweihundert Künstlerinnen mehrfach Petitionen zur Zulassung von Frauen an der Preußischen Akademie der Künste – vom Akademiedirektor Anton von Werner abgelehnt! Gemeinsam mit Käthe Kollwitz gründete sie 1906 die »Verbindung Bildender Künstlerinnen«. Und sie malte! Ölbilder. Pastelle. Aquarelle: Die Kinder ihrer Cousine Olga Hempel in Ferch – auch Käthe Kollwitz und Hannah Höch weilten als Gäste dort –, die Birkenwälder an den Ufern der Havelseen, Segelboote, flirrend

Julie Wolfthorn: »Im hohen Norden«,
um 1920, Sammlung Galerie „DER PANTHER“ – fine art

impressionistisch, Licht und Luft, »Baumblüte«, Obst wiesen und »Gewitterstimmung«. Und immer wieder Landschaften, die sie auf ihren Reisen beeindruckten. Sie malte Mädchen und wunderschöne Frauen, Porträts von Freund_innen und Familienangehörigen, intime Aktbilder, Titelblätter für die Münchener Zeitschrift »Die Jugend«.

Julie Wolfthorn – „Portrait Frau Prof. Lilli Behrens“
Sammlung Galerie „DER PANTHER“ – fine art

Anfangs fand sie ihre Modelle im Bekannten- und Freund_innenkreis. Berühmte Frauen baten sie bald um ein Porträt: ihre Freundin Ida Dehmel / verheiratet mit Richard Dehmel, die Schauspielerinnen Maria Orska und Carola Neher, Gerhart Hauptmann und Gattin Margarete…

Julie Wolfthorn wurde eine der erfolgreichsten Malerinnen in Deutschland, sie prägte mit ihren Werken zeitnahe Kunstströmungen wie den Impressionismus, den Jugendstil, die Neue Sachlichkeit.

Mit dem Jahr 1933 änderte sich ihre Situation grundlegend. Sie durfte nur noch im Rahmen des Jüdischen Kulturbunds – 1933 in Berlin als Selbsthilfeorganisation jüdischer Künstlerinnen und Künstler gegründet – ausstellen. Anlässlich der ersten Kulturbund-Veranstaltung in Berlin – der »Nathan«-Aufführung im Oktober 1933 – zeigten jüdische Künstlerinnen und Künstler kleinformatige Arbeiten in den Wandelgängen des Berliner Theaters. Von Julie Wolfthorn war ein Bildnis des von den Nazis verfemten und in Ascona lebenden Malers Christian Rohlfs zu sehen. Repressalien, finanzielle Not bestimmten weithin den Alltag.

Im Oktober 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Nach dem Krieg gehörte Julie Wolfthorn anfangs zu den Vergessenen. Viele ihrer Arbeiten waren verschollen bzw. verborgen in Privatbesitz. 1993 wurden erstmalig wieder in einer Ausstellung des Vereins der Berliner Künstlerinnen (VdBK) Bilder von ihr gezeigt. Heute gilt ihr eine entschieden größere Aufmerksamkeit, in weiteren Ausstellungen wurde ihre Arbeit bisher gewürdigt!

»Vergessen Sie uns nicht«,

bat Julie Wolfthorn einen Freund (Carl-Eduard Eeg) in ihrer letzten Nachricht aus Theresienstadt …

 

Julie Wolfthorn: »In den Straßen von Berlin«,
um 1905, Sammlung Galerie „DER PANTHER“ – fine art


Zeichen der Erinnerung an Julie Wolfthorn

Eine Gedenktafel in Berlin Mitte, Stolpersteine (6) in Berlin für sie und ihre Schwester Luise. Ihrer wird gedacht im »Raum der Namen« / Holocaust Mahnmal Berlin. Ein weiterer Stolperstein für Julie Wolfthorn befindet sich auf der Ostseeinsel Hiddensee.


Dank der Redaktion Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.

Dank an Helmut Ruppel für seine Anregung, den Spuren Julie Wolfthorns nachzugehen.

Dank an Herrn Joergen Degenaar / Galerie »Der Panther« – fine art, Freising, für Hinweise und Abdruckgenehmigungen. http://www.Galerie-Der-Panther.de / galeriederpanther@web.de.

Dank an Frau Sabine Krusen / Frauenforscherin, Autorin in Berlin, Initiatorin des Julie- Wolfthorn-Freundeskreises, für Hinweise zur Biografie. Für eine größere Berliner Schau bitten wir Leser_innen dieser Zeilen, sich mit entsprechenden Informationen an den Julie Wolfthorn-Freundeskreis (Telefon (030) 449 32 27) oder an die Galerie „DER PANTHER“ – fine art (siehe auch: LOST & FOUND) zu wenden.


Weitere Veröffentlichungen zu Julie Wolfthorn:

Julie Wolfthorn – Leben und Werk

Julie Wolfthorn – Ausbildung in München und entstandene Werke rund um die Künstlerkolonie Dachau


Julie Wolfthorn – Mit Pinsel und Palette die Welt erobern


Lost & Found


Suchmeldung – Portrait der Karla Friedel

 

 


Quellen:
(1) Herausgeber: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. | Auguststraße 80 | 10117 Berlin.
Telefon (030) 283 95 – 184 | Fax (030) 283 95 – 135 | asf@asf-ev.de | http://www.asf-ev.de.
Spendenkonto: IBAN: DE68 1002 0500 0003 1137 00, BIC: BFSWDE33BER, Bank für Sozialwirtschaft.
Redaktion: Lena Altman, Björn Borrmann, Dr. Dagmar Pruin, Helmut Ruppel, Ingrid Schmidt.
Gestaltung: Anna-Maria Roch | Druck: Berlin und brandenburgische Druckerei.
Ausgabe: April 2017.

(2) Helmut Ruppel, Pfarrer und Studienleiter i. R., Presse- und Rundfunktätigkeit, http://www.helmut-ruppel.de, seit 2007 in der Redaktion der »ASF-Predigthilfe«. h.m.ruppel@gmx.de

(3) Ingrid Schmidt, M. A., Gymnasiallehrerin / Dozentin in Kirchlicher Erwachsenenbildung i. R., seit 2007 in der Redaktion der »ASF-Predigthilfe«. ille.schmidt@kabelmail.de

Titelbild: Julie Wolfthorn: »Mädchen mit roten Haaren«, um 1910, Sammlung Galerie „DER PANTHER“ – fine art

(4) Foto “ Académie Colarossi“ : LWL-Museum für Kunst und Kultur (Westfälisches Landesmuseum), Münster/Gerhardi-Archiv (http://www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur/)

(5) Titelseite der Jugend: Ausgabe 47, von Julie Wolfthorn, 1897

(6) Abbildung Stolperstein: Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

 

 


Die Galerie „DER PANTHER“ – fine art

widmet sich hauptsächlich Werken des Deutschen Impressionismus, Expressionismus und der Klassischen Moderne.

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